Neven Subotic im Interview

»60 Quadratmeter reichen mir völlig«

Sie meinen den erstmaligen Einzug des FC in den internationalen Wettbewerb nach 25 Jahren?

Es war der Hammer. Am Abend, als wir es gepackt hatten, sollte eine Feier aller Mitarbeiter und Spieler stattfinden. Ich habe mich nach unserem Spiel ins Auto gesetzt und zu den zwei jungen Spielern Birk Risa und Nikolas Nartey gesagt: „Steigt ein. Ich möchte euch etwas zeigen.“ Wir fuhren zunächst die Aachener Straße lang, die direkt vom Stadion zur Stadtmitte führt. Danach hatte ich mir eine szenische Route ausgedacht, vorbei an all den Kneipen und Bars. Überall standen die Fans und rasteten komplett aus. Die Jungs sind aufs Dach gestiegen. Sie sind noch jung, haben noch nicht so viele Spiele gemacht. Aber ich wollte ihnen etwas zeigen: Das ist der Fußball, wir stehen nicht nur für drei Punkte oder unsere Karriere auf dem Platz. In solchen Momenten siehst du, was für einen krassen Einfluss der Verein und damit unsere Spiele haben. Sie haben einen Effekt auf das Leben der Leute.

Das klingt wie Ihre Spontanparty 2011 im Dortmunder Kreuzviertel.

Genauso war es, nur war ich diesmal obenrum bekleidet. (Lacht.) Das ist unvergesslich. Noch heute kommen Leute zu mir und sagen: Ja, Lindemannstraße, da war ich damals auch dabei. Direkt nach dem entscheidenden Spiel hatten wir im Pool der Kabine die Meisterschaft gefeiert. Dann kam die offizielle Ansage: Okay, in zwei Stunden ist Abendessen. Bis auf Kehli (Sebastian Kehl, die Red.) waren gerade alle zum ersten Mal Meister geworden. Wir waren total aufgeregt und erwarteten etwas Besonderes. Und dann sollen wir ruhig zum Drei-Gänge-Menü und brav essen? Nein, das war alles andere als das, was ich mit diesem Moment verbinden wollte. So eine Feier muss inklusiv sein, nicht exklusiv. Wenn nur die Spieler fein zusammensitzen, dann ist das nicht das, wofür der BVB steht. Ich stürzte mich vor dem Essen mit meinen Freunden mitten ins Getümmel der Stadt. Egal wann und wo, ich vertraue den Fans. Was glauben Sie, was passiert, wenn ich in Dortmund mein Portemonnaie aus dem Fenster werfen würde?

Was glauben Sie?

Ein BVB-Fan würde kommen und es zurückbringen, ganz egal, wie viel Geld darin gewesen wäre. Vertrauen fördert Vertrauen. Die Fans sind nicht abseits, sondern immer ein wichtiger Teil des Vereins. Das Feiern im Kreuzviertel ist für mich der mit Abstand schönste Moment meiner BVB-Zeit, das muss ich ganz ehrlich sagen. Es ist so authentisch. Da gab es keine Dreiklassengesellschaft, kein „Den oder die mag ich nicht“, nein: gemeinsam feiern und singen, alles auf Augenhöhe, alles aus dem Moment heraus, spontan. Wie tief mich das bewegt hat, wurde mir erstmals bei einem Video im Krankenhaus bewusst.

Im Krankenhaus?

Wir spielten in der folgenden Sommervorbereitung mit dem BVB in Mainz, und ich verletzte mich am Kopf so schwer, dass ich nicht mehr ganz bei Bewusstsein war. Ein privater Freund begleitete mich ins Krankenhaus, als ich langsam wieder zu mir kam, aber noch voll benebelt war. Er machte ein Video und fragte mich darin: „Neven, siehst du, was du anhast?“ Und ich: „Ein Trikot vom BVB? Was? Ich spiele beim BVB?!“ „Ja, und du bist auch Meister geworden.“ „Ich bin Meister mit dem BVB geworden? Krass.“ Dann vergaß ich wieder alles und es ging von vorne los. Ich wirke auf dem Video, als wäre ich als kleiner Junge in meinem Traum gelandet.

Sie haben allerdings auch schlechte Tage beim BVB erlebt, als Sie aussortiert und vom Teamfoto gestrichen wurden. Damals sagten Sie uns, dass ein riesiger Unterschied zwischen dem Mitgliederwillen beim e.V. und den Entscheidungen der KgaA bestehe.

Das ist der Lauf der Dinge im Fußball. Er entwickelt sich auf zwei Ebenen: einmal rein sportlich mit dem Verein und seiner Gemeinschaft, auf der anderen Seite finanziell. Das ist nicht immer eine Symbiose. Ein Beispiel: Wenn der Spieltag jetzt durch Montagsspiele auf sechs verschiedene Anstoßzeiten gesplittet wird, dann geht es dabei um Fernsehgelder. Diese Entwicklung kann man kritisch sehen, weil sie auf lange Sicht schädlich für den Sport ist. Wenn man nur den finanziellen Weg verfolgt, fallen irgendwann die Emotionen weg. Eine Million mehr oder weniger macht den Spieler nicht besser oder schneller, die Emotionen drum herum aber sehr wohl.

Spüren Sie eine Entfremdung zwischen Fans und dem aktuellen Fußball?

Ja, viele meiner Freunden haben ihre Dauerkarte abgegeben, obwohl ihre Familien seit Generationen ins Stadion gegangen sind. Doch sie sagen: „Das ist nicht mehr mein Fußball.“

Manche Fans können die Summen bei Gehältern und Ablösesummen nicht mehr verstehen. Ihr Gegner aus Paris hat 222 Millionen Euro für einen Spieler bezahlt. Deren „Sponsor“ rühmt sich damit, die besten Spieler ins Land zu holen.

Womit er auch recht hat. Nur gibt es eigentlich dafür Regularien vom Fußballverband, die aber anscheinend nicht greifen. Ich kann nur hoffen, dass der Fußball in diesem Sinne wieder in die Spur zur Normalität findet.

Sie haben 2011 ihre Luxusgüter verkauft. Wie kam es dazu?

Ich besaß ein Jahr lang vier Autos. Als Deutscher Meister dreht man wohl durch, ich war dumm. Das teuerste Auto kostete 75 000 Euro, außerdem hatte ich eines für 28 000, dann einen Mini für 17 000, und das vierte war geleast. Ich wohnte damals mit Kumpels aus meiner Kindheit in Deutschland und meiner Jugend in den USA zusammen in einem großen Haus. Es hieß immer: Der Junge braucht noch einen Wagen zum Einkaufen, der nächste einen für etwas anderes.

Gab es einen bestimmten Moment, der Sie zu dem Schritt bewogen hat?

Nein, das war eher ein längerer Prozess, ich orientierte mich nicht mehr nach außen, sondern nach innen, zu mir selbst. Die Autos standen einfach rum, ohne Wert für mich, ich wollte sie loswerden. Parallel dazu hat sich die WG aufgelöst, ich bin in eine kleine Wohnung in der Stadt gezogen. Ich sah für mich ein, dass ich kein großes Haus brauche, 60 Quadratmeter reichen mir völlig. Außerdem ist man in der Stadt viel näher am Leben der Menschen. Nach meinem Umzug gründete ich die Stiftung.