Neven Subotic im Interview

„Wir haben einen krassen Einfluss auf das Leben der Leute“

Kein Spieler wie jeder andere: Neven Subotic baut Brunnen in Äthiopien, feiert Autopartys in Deutschland und begeistert nun die Fans in Saint-Etienne. Wir trafen ihn in Frankreich zum langen Interview.

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Neven Subotic, Sie leben seit drei Monaten in Frankreich. Was sind die größten Unterschiede zum Alltag in Deutschland?

Die Menschen stehen hier gefühlt zehn Zentimeter näher zu dir. Was ich damit meine: Man geht vertrauter miteinander um. Auf der Geschäftsstelle begrüßen wir jeden Mitarbeiter persönlich, die Frauen mit Küsschen links und rechts. Das kann schon mal sehr lange dauern, bis man durch alle Räume gelaufen ist. Auch am Trainingsgelände begrüßt du jeden gleich, egal ob es ein Junge aus der C-Jugend ist oder der Präsident. Du gehst an keinem vorbei, diese Nähe gefällt mir.

Wie unterscheidet sich der Fußball in Frankreich?

Als Verteidiger hast du es hier mit echten Schränken zu tun, da musst du im Zweikampf den ganzen Körper reinlegen. Die meisten Mannschaften haben sehr physische Stürmer – und dann sind manche noch schnell. Das Spiel ist hier viel vertikaler als in Deutschland. Auch wir spielen immer direkt nach vorne aufs Tor. Dadurch sind die Ballphasen, also die Dauer des Ballbesitzes, viel kürzer. Du verlierst den Ball schneller, gewinnst ihn aber auch umgehend zurück. Ich glaube, dass deswegen Ousmane Dembélé auch in der Bundesliga derart eingeschlagen ist.

Was meinen Sie damit?

Hier kriegen die Außenspieler eingebläut, ins Eins-gegeneins zu gehen. Wenn sie es nicht schaffen, okay, dann halt beim nächsten Mal. Dembélé hat es übernommen und in der Bundesliga zwei, drei Leute ausgedribbelt. Das ist eigentlich ungewöhnlich, weil in Deutschland die ganze Mannschaft schnell hinter den Ball kommt.

Mit Ihnen kletterte Saint-Etienne von Platz 16 auf neun. Es wirkt so, als würden Sie schon jahrelang hier spielen.

Ich fühle mich wohl, weil mir der Trainer Jean-Luis Gasset vertraut. Er erinnert mich an Jürgen Klopp, weil er mit mir Tacheles redet. Ich mag keine Typen, bei denen ich zwischen den Zeilen lesen oder auf die Untertöne achten muss. Schon das erste Gespräch verlief super, er erklärte mir, dass er Fußball spielen lassen will. Dabei waren wir mitten im Abstiegskampf. Das imponierte mir. Außerdem sagte er: „Ich habe dich im Trainingslager des BVB beobachtet. Du hast super trainiert.“ Darauf ich: „Ja, fand ich auch.“ (Lacht.)

Stimmt es, dass Sie vor dem Wechsel bei den Spielern von Saint-Etienne durchgeklingelt haben?

Ja. Zunächst habe ich natürlich mit Auba (Pierre-Emerick Aubameyang, Ex-Spieler von Saint-Etienne, die Red.) gesprochen, dann bei Loic Perrin angerufen. Wir haben uns auf Englisch unterhalten. Er ist eine Legende bei ASSE, spielt schon 17 Jahre hier. Ich mache das immer so, dass ich nach dem Gespräch mit dem Trainer auch einen Spieler anrufe und die Meinungen abgleiche. Wir Spieler haben untereinander so ein Vertrauensverhältnis, dass keiner dem anderen das Blaue vom Himmel erzählt. Ich habe schon oft erlebt, dass der Trainer X sagt und der Spieler Y. Loic aber sprach haargenau so vom Fußball wie zuvor der Trainer. Da wusste ich: Es passt.

Und haben deswegen auf die Premier League oder sogar eine Zusammenarbeit mit Ihrem Förderer Jürgen Klopp verzichtet?

Dazu hätte ich wohl im Vorfeld einige Spiele mehr machen müssen. Ich hatte natürlich einige Angebote, aber im Gesamtpaket war Saint-Etienne die beste Wahl. Sie standen zwar zu diesem Zeitpunkt weit unten, haben aber in den letzten Jahren immer um die europäischen Plätze gespielt. Der Klub hat einegroße Tradition und eine beeindruckende Fankultur. Mit Yann M’Vila und Mathieu Debuchy kamen im Winter zwei weitere gute Jungs dazu, so dass nicht alles auf mir lastete. Mir war auch wichtig, dass ich direkt spielen konnte. Das hat mir der Trainer zugesichert.

Trotzdem muss es Ihnen schwergefallen sein, den BVB nach neun Jahren zu verlassen.

Sportlich war es die richtige Entscheidung. Sehen Sie, als ich im Sommer 2017 zurück zum BVB gekommen bin, stand ich nicht mal auf der Kaderliste. Mein Vertrag lief aus, was meine Karten noch einmal verschlechterte. Ich ging also zu Trainer Peter Bosz und fragte, ob ich überhaupt eine Chance habe. Er meinte: „Es ist nicht unmöglich.“ Was für mich hieß: „Es ist verdammt noch mal möglich.“ Ich habe mich drei Monate reingehängt wie ein Bekloppter, im Training alles gegeben und mich dann von Innenverteidiger Nummer sieben bis in die Startelf gearbeitet. Ich spielte in der Champions League bei Real Madrid von Anfang an! Und dann flog Bosz raus, und alles ging von vorne los.

Sie hatten mit dem Nachfolger Peter Stöger schon Anfang 2017 in Köln zusammengearbeitet. War das ein Vor- oder Nachteil?

Wir hatten einen neuen Trainer, Punkt. Ich musste mich wieder in die Elf arbeiten, aber dem Kampf hätte ich mich gestellt. Das Training verlief wieder gut, doch beim ersten Spiel im Januar stand ich wieder nicht einmal im Kader. Da war klar: Ich kann nicht noch einmal drei Monate schuften, dann ist mein Vertrag zu Ende.

Stöger hat in Köln auch mitentschieden, dass Ihre Ausleihe nicht verlängert wurde. Wären Sie nicht gerne beim FC geblieben?

Die Entscheidung war am Ende ziemlich einvernehmlich. Köln wollte auf einen jüngeren Spieler in der Defensive bauen, und ich habe mich auch gefreut, wieder in Dortmund gefordert zu sein. Ganz ehrlich, ich habe auch selten von einer Ausleihe gehört, die so cool verlaufen ist. Ich habe meine Spiele bekommen und etwas absolut Legendäres von innen miterlebt.