Neonazis in der Fankurve

»Rechte vernetzen sich in der Fanszene«

Gibt es auch heute noch wie in den neunziger Jahren Anwerbeversuche von Rechtsextremen im Stadion?
Natürlich. Musik und Fußball sind bis heute die größten Rekrutierungsfelder für Rechtsextreme. Dabei muss man aber zwei Arten der Rekrutierung unterscheiden: Zum einen gibt es die Anwerbung mit einer klaren politische Strategie, wie beispielsweise bei der NPD oder früher der FAP. Die NPD verteilte jahrelang CDs auf Schulhöfen und teilweise Flugblätter vor Fanblöcken. Allerdings sind ihre Versuche größtenteils gefloppt, weil gerade Fußballfans nicht auf Parteipolitik anspringen und von dieser institutionellen Struktur eher abgeschreckt werden. Über aktuellere Versuche der AfD, Hooligans zu integrieren, ist bislang wenig bekannt, jedoch wirkten Hooligans an AfD-nahen, rechten Aufmärschen mit.

Was ist die zweite Variante?
Sie wird gerade von rechtsextremen Kameradschaften und ähnlichen Strukturen gepflegt und verläuft eher über eine kulturelle Praxis. Das heißt: Rechte treten nicht mit einem Parteiprogramm auf, sondern vernetzen sich mitten in der Fanszene, sie fahren auswärts mit, zeigen Präsenz, reißen dieselben groben Witze. Auch hier spielt Musik eine Rolle: Die Band »Kategorie C« ist bundesweit aktiv, die Gruppe »Frontalkraft« spielt insbesondere für die rechtsextreme Hooliganszene in Cottbus eine besondere Rolle. Und nicht selten gehen die alten Hooligans bei Auswärtsfahrten mit den Jüngeren in den Puff. Nazis bewegen sich also in diesem Männerbund, einer gewaltaffinen Gemeinschaft. Und irgendwann kommt dann die Ansage an Jüngere: »Du könntest dich auch mal für etwas Größeres engagieren als nur einen Fußballverein.«

Was führt dazu, dass Jugendliche empfänglich für diese Anwerbungsversuche sind?
Zum einen sind es ja nicht nur Jugendliche, zum anderen ist auch das sehr komplex: Es hängt mit gesellschaftlichen Entwicklungen, Persönlichkeitsmerkmalen und mitunter den vorhandenen Gruppen zusammen. Eine bekannte These des Bielefelder Wissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer aus den achtziger Jahren besagte: Man könne die Gewalt von jungen Menschen nicht von der Kommerzialisierung des Fußballs trennen. Denn gerade Jugendliche erfahren demnach den Kommerzialisierungsdruck als Gewalt. Hooliganismus wird somit zu einer Art brachialer Antwort, zum Kampf um Raum und Wahrnehmung. Dabei beziehen sich die meisten Gruppen zugleich auf Identitäten wie Nation und Geschlecht, tendieren somit stark nach rechts. Sie erleben ein Gefühl der Macht, wenn sie in dieser Gruppe unterwegs sind. Dieser theoretische Ansatz besitzt bis heute Gültigkeit.


Dortmunder Ultras positionieren sich klar gegen Nazis

Versuchen Rechtsextreme auch bei Ultragruppen ihren Nachwuchs zu rekrutieren?
Rechtsextreme agitieren selbstredend eher bei den rechtsoffenen Gruppen innerhalb einer Szene. Natürlich stehen die Ultras als größte Jugendkultur in ihrem Fokus. Sie versuchen an die Punkte der Ultrabewegung anzudocken: das oft gewaltaffine Männerbündnis, die Ablehnung gegenüber der Polizei, der identitäre Bezug zur Stadt und zur Heimat. Wichtig ist dabei: Der Ein- und Ausstieg in die rechtsextreme Szene erfolgt schleichend, es ist ein Prozess. Rechtsextreme bauen erst einmal Vertrauen auf, ohne andauernd ihre Gesinnung zu thematisieren. Erst zu einem späteren Zeitpunkt legen sie Jugendlichen den nächsten Schritt nahe, dass das Engagement für die Nation noch wichtiger sei als jenes für den Verein. Doch sind diese wiederum keine naiven Opfer: Sie können sich bewusst für oder gegen den Weg in eine Kameradschaft entscheiden.

Wie kann in diesem Fall die Präventionsarbeit aussehen?
An den Kern einer rechtsgerichteten Hooligangruppe kommt man kaum heran, da sollte die Soziale Arbeit nicht überschätzt werden. In diesem Fall hilft nur polizeiliche Intervention und Strafverfolgung. Fanprojekte haben aber Möglichkeiten, im Kreis der Mitläufer zu wirken. Diese Leute sind nicht so gefestigt in ihrem Weltbild, in ihrem Bezug zur Gruppe. Projekte können die Hand reichen und fragen: »Wie sind eigentlich deine Ziele im beruflichen oder privaten Leben? Wir können dir helfen und eine Zukunft aufzeigen.« Denn auch Ausstiege sind Prozesse und entwickeln sich durch Zweifel an der Lebenslüge der rechten Szene: ihrer sogenannten Kameradschaft, die allein in szeneinterner Gewalt besteht. Durch derlei Angebote konnten schon sehr viele Jugendliche dabei unterstützt werden, sich von der rechtsextremen Szene wieder abzuwenden.

Robert Claus hat im September 2017 das Buch Hooligans – Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik im Verlag Die Werkstatt veröffentlicht.
Anmerkung: Das Foto über diesem Artikel bildet jenen Fanblock ab, aus dem die Nazi-Rufe kamen. Nicht alle Personen dieses Blocks waren daran beteiligt.

Update: Als Reaktion auf dieses Interview erreichte uns folgendes Schreiben der »Brigade Nassau«:

Sehr geehrter Herr Robert Claus,
liebe Leser von 11Freunde,
liebe 11Freunde Redaktion,
 
Wir haben lange überlegt ob wir reagieren sollen, allerdings sind diese Vorwürfe gegen uns als Gruppe und gegen Einzelpersonen so nicht zu Akzeptieren.
Fangen wir beim Thema Themar an, ja es waren Mitglieder unserer Gruppe vor Ort! Diese waren auch an dem Prozedere und Ja auch an den Bands interessiert. Das ist nicht abzustreiten.
Allerdings würde niemand der diese Personen kennt als Nazis abstempeln, die Eindrücke die diese Menschen aus Themar mitbrachten, waren auch keine Positiven und das was von diesen zu hören war ließ kein gutes Haar an den Besuchern dieses wie sie es nennen “Festivals“.
Übrigens, von uns als Brigade Nassau war keiner in Prag beim Länderspiel!
Desweiteren bestreitet auch niemand innerhalb unserer Gruppe das es verschiedene Politische Interessen bzw. Meinungen gibt. Allerdings bestreiten wir sowohl den Einfluss von Rechten und/oder Linksradikalen. Wenn Sie gelungen Integration sehen wollen schauen Sie auf unsere Gruppe und Ihnen wird auffallen das wir es schaffe verschiedene Nationalitäten, u.a. Kolumbianer, Afro-Deutsche, Kroaten, Vietnamesen, Iraner unter einen Hut zu bringen und haben aus eben diesen eine Gruppe gebildet die für sich steht.
Zum Training, ja wir trainieren Kampfsport, für uns ist das was wir betreiben ein Sport, unser Ventil zum Alltag. Wir führen Ihn ebenso gerne aus wie Menschen, die Marathon laufen, Bungee springen, Snowboard fahren oder Fußball spielen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Brigade Nassau
Frankfurt Hooligans