Nationalspieler Matthias Ginter über seine Rolle im DFB-Team

»Ich bin wirklich sehr ehrgeizig«

Bei Borussia Mönchengladbach haben Sie in allen Pflichtspielen von der ersten bis zur letzten Sekunde auf dem Platz gestanden. Inwiefern hilft Ihnen das?
Natürlich spürt man das. Man lernt mit jedem Spiel. Und wenn man akribisch arbeitet und viel investiert, wird man zwangsläufig besser.

Können Sie das konkret beschreiben?
Das betrifft alle Bereiche: Spielaufbau, Passsicherheit, Zweikampfverhalten, auch unter Druck. Ich glaube schon, dass ich da mittlerweile anders auf dem Platz stehe als noch vor drei Jahren.

Wie hoch ist Ihr Anspruch an sich selbst?
Sehr hoch. Ich bin fast schon zu perfektionistisch. Der Fußball hat so viele Facetten - physisch, mental, taktisch, technisch -, in denen man sich verbessern kann. Das ist mein Ziel. Da bin ich wirklich sehr ehrgeizig.

Haben Sie bei Ihren Kollegen den Ruf, ein Streber zu sein?
(Lacht) Ich mache schon eine ganze Menge nebenher, Krafttraining, Behandlung, Wellness, Kaltbecken, ab und zu Akupunktur. Da bin ich sehr gewissenhaft und könnte es mit meinem Gewissen auch nicht vereinbaren, wenn ich zwei Tage gar nichts mache. Da gibt es natürlich auch mal einen Spruch, wenn die Jungs um acht zum Frühstück kommen und ich schon im Kraftraum arbeite: »Na, morgen auch wieder um halb sieben?« Aber ich glaube, inzwischen haben sie sich daran gewöhnt.

Wie lässt es sich mit Ihrem Qualitätsanspruch vereinbaren, wenn Sie in der Nationalmannschaft als rechter Außenverteidiger zum Einsatz kommen?
So viele Unterschiede gibt es meines Erachtens gar nicht. Natürlich hat man als Außenverteidiger einen offensiveren Drang. Das gefällt mir auch. Aber es kommt auch immer auf die Ausrichtung der Mannschaft an. Generell ist es erst mal wichtig, die Seite, so gut es geht, dicht zu halten. Die Defensive hat Priorität. Aber ich versuche auch immer wieder offensiv Akzente zu setzen. Dadurch macht mir die Rolle sehr viel Spaß. Wie war Ihre Reaktion, als Joachim Löw Sie mit der Idee konfrontiert hat? Zwei oder drei Tage vor dem Hinspiel gegen Frankreich hat der Bundestrainer mir gesagt, es könne gut sein, dass ich dort spiele. Ich habe mich ganz normal darauf eingestellt, und wir haben das ja auch trainiert. In Dortmund gab es eine Phase, in der ich auch auf dieser Position gespielt, ein paar Tore erzielt und vorbereitet habe. Vielleicht denken Außenstehende, dass die Umstellung schwierig ist. Aber gerade gegen die Franzosen mit ihrer überragenden Offensivqualität war erst mal die Defensive wichtig: gut stehen, Zweikämpfe gewinnen - sich aber auch nach vorne einzuschalten, wenn es die Situation zulässt. Ich habe mich da sehr wohl gefühlt.

Sieht Löw Sie dauerhaft auf dieser Position?
Das weiß ich nicht. Es kommt auch auf den Gegner an. Im Rückspiel gegen Frankreich haben wir mit einer Dreierkette verteidigt, da habe ich halbrechts gespielt.

Wie groß ist Ihr Wunsch, auch in der Nationalmannschaft als Innenverteidiger zu spielen?
Das ist für mich zweitrangig. Ich sehe mich in erster Linie als Teamplayer - selbst wenn ich gar nicht spiele.

So wie bei der Weltmeisterschaft. Sie haben an zwei Endrunden teilgenommen, aber keine einzige Sekunde gespielt. Ärgert es Sie, dass Sie sich fast schon dafür rechtfertigen müssen?
Manchmal muss ich schon schmunzeln, weil es sicher nicht selbstverständlich ist, mit 24 schon an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen zu haben. Vor allem nicht als Verteidiger. Ich weiß das schon relativ gut einzuordnen. Es waren auch zwei sehr unterschiedliche Turniere. Vor vier Jahren hat keiner mit mir gerechnet, als ich aus Freiburg auf den letzten Drücker und mit ein bisschen Glück noch nominiert wurde. Da war ich quasi noch ein kleiner Junge und froh, überhaupt dabei zu sein. Ich habe alles aufgesaugt, und so wie es gelaufen ist, war es überragend.

Und in diesem Jahr?
Da hatten wir überraschenderweise leider nicht so viele Spiele. Natürlich will jeder spielen, aber spätestens wenn die Aufstellung bekannt ist und ich weiß, dass ich auf der Bank sitze, versuche ich alles dafür zu tun, dass die Mannschaft gewinnt. Das wird bei mir auch immer so bleiben.

Es gibt das Gerücht, dass Joachim Löw Sie vor der WM 2014 gefragt hat, ob Sie sich die Rolle als linker Außenverteidiger zutrauen würden, auf der dann letztlich Benedikt Höwedes gespielt hat?
Nein, das war nicht so. Ich wurde nicht gefragt und habe das auch nie trainiert.

Und wenn Sie gefragt worden wären...
... hätte ich mir das auf jeden Fall zugetraut. Aber da ich nicht gefragt worden bin, konnte ich auch nicht ja sagen.