Nach Hallers Übersteiger-Tor: Jan-Aage Fjörtoft über die Sekunden vor dem Abschluss

»Noch ein Tor! Ihr braucht noch ein Tor!«

Sie schossen in den letzten drei Spielen drei Tore. Brauchten Sie Druck?

Ich brauchte Spaß. Ich erinnere mich noch gut an die Stunden vor dem letzten Spiel. Schon am Morgen wachte ich gut gelaunt auf und spürte eine große Lust auf Fußball. Ich habe viel gelacht und gesungen.

Sie haben gesungen?

Das habe ich oft gemacht vor Spielen. Nicht immer haben die Trainer das verstanden. Einmal hörte mich Felix Magath elf Stunden vor einem Spiel gegen Wolfsburg in der Dusche singen. Als wir die Partie verloren hatten, war er außer sich: »Weißt du, warum wir verloren haben?«, schrie er. »Weil du in der Dusche gesungen hast!«

Ab wann wussten Sie, dass Frankfurt gegen Kaiserslautern noch ein Tor benötigt?

Vor dem letzten Spieltag gab es 400 verschiedene Theorien, wie es kommen könnte. Nürnberg hielt sich für gerettet. Die hatten eine Nichtabstiegsparty vorbereitet. Wir wussten lediglich, dass wir gewinnen mussten, um unsere Chance auf den Klassenerhalt zu wahren. Wie hoch, das konnte man da noch nicht sagen. Wir schossen ein Tor nach dem anderen, und das Glück war auf unserer Seite.

Inwiefern?

Ich erinnere mich an ein Tackling von Bernd Schneider gegen Michael Ballack, ein harter Block. Der Schiedsrichter sah nichts, und da dachte ich: Heute geht nichts schief. Wir hatten eh nichts zu verlieren und eine Reihe von All-in-Typen im Team: Timo Gebhardt, Bernd Schneider, Thomas Sobotzik, ein cleverer Fußballer. Oder den weißen Brasilianer Ansgar Brinkmann.

Aber irgendwann müssen Sie doch mitbekommen haben, wie es auf den anderen Plätzen steht?

Nach unserem Tor zum 4:1 wurde es mucksmäuschenstill im Stadion. 60 000 Menschen schwiegen. Ich dachte: Das war’s, jetzt sind wir abgestiegen. Aber plötzlich schrien die Jungs von außen: »Noch ein Tor! Ihr braucht noch ein Tor!« Also habe ich es eben gemacht. (Lacht.)

Wie war die Party danach?

Ich merkte, wie viele Existenzen an einer Rettung hängen. Wenn du absteigst, brechen Mannschaften auseinander, Leute müssen entlassen werden, viele Klubs verschwinden in der Versenkung. Daher passte meine Metapher auch gut.

Sie sagten, Berger hätte auch die Titanic gerettet.

Genau. Die Party war dementsprechend ausgelassen. Ich habe nur zweimal in meinem Leben Bier getrunken – auf beiden Nichtabstiegspartys mit der Eintracht. Ich glaube eh, dass Nichtabstiegspartys jede Meisterfeier toppen.

Sie sind nie Meister geworden.

Doch, in Norwegen habe ich mit Lilleström den Titel geholt. Aber klar, ich wäre gerne auch mit einem Topklub Meister geworden. Andererseits hätte ich dann vielleicht nie mit Petra Roth getanzt.