Nach der Leukämie-Erkrankung: Stilijan Petrow über sein Comeback

»Ich hatte das dickste Mondgesicht der Welt«

Stilijan Petrow war einst Kapitän von Aston Villa und Celtic Glasgow. Die Karriere des bulgarischen Rekordnationalspielers endete 2012 schlagartig, als Ärzte bei ihm Leukämie diagnostizierten. Jetzt spielt der 35-Jährige wieder Fußball: in einer englischen Freizeitliga.

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Stilijan Petrow, Ihre Freunde vom Sunday-League-Klub »Wychall Wanderers« haben immer rumgealbert, dass Sie nach Ihrer Profikarriere für den kleinen Klub aus Shirley spielen sollen. Das tun Sie jetzt seit zwei Monaten. Wie ist es, wieder auf dem Platz zu stehen?
Es ist toll zurück zu sein auf dem Fußballplatz, vor allem nach der Diagnose »Leukämie«. Ich habe Fußball echt vermisst in den letzten zweieinhalb Jahren. Ich durfte wegen meiner Behandlung und der starken Nebenwirkungen der Tabletten nicht kicken. Deshalb hatte ich auch erst ein bisschen Angst wieder zu spielen.

Sie hatten Angst Fußball zu spielen?
Natürlich. Ich war zwar als Profi immer fit und in guter Form, aber durch die Krebsbehandlung mit so vielen Tabletten und Steroiden, verlierst du einfach deine Muskeln und deine Fitness, das ist gefährlich, dann einfach wieder loszuspielen. Es ist schwer sich vorzustellen, wie der Körper reagiert.

Und wie hat er reagiert?
Wir haben erstmal ein Trainingsspiel – elf gegen elf –  gespielt und extra für mich nur auf einer Hälfte des Platzes gekickt. Da musste ich mich nicht ganz so sehr anstrengen, wie auf dem ganzen Platz. Danach habe ich mich sehr gut gefühlt und einer meiner Freunde sagte: »Hey es sieht gut aus, als wenn du richtig mitspielen könntest.« Und jetzt habe ich sieben Spiele lang durchgespielt und werde von mal zu mal stärker.

Sie sind nicht nur Kapitän von Celtic Glasgow und Aston Villa gewesen, sondern auch von der bulgarischen Nationalmannschaft. Sehen Ihre Mitspieler Sie als Prominenten oder als »Stan«?
Ich wollte von Anfang an, dass meine Mitspieler ganz normal mit mir umgehen. Ich sagte zu den Jungs: »Ey, wenn wir zusammen sitzen, braucht ihr euch nicht zusammenreißen mit euren Witzen!« (lacht) Aber meine Gegenspieler wissen nur, ich war Premier-League-Spieler und bulgarischer Nationalspieler und dann sind sie übereifrig – die tackeln mich einfach, rempeln mich um und versuchen alles, um besser zu sein als ich. Für die ist das ein richtiger Ansporn gegen mich zu spielen. Aber das ist okay, auch dadurch werde ich fitter und fühle mich besser.

Trotzdem spielen Sie jetzt nicht mehr mit Spielern wie Henrik Larsson, John Carew oder Ashley Young zusammen. Sind Sie manchmal frustriert über Pässe Ihrer Mitspieler, die nicht ankommen?
Oh ja, ich bin mega frustriert, ich fange an zu brüllen, ich bin genervt, aber ich vergesse niemals, auf welchem Level ich jetzt spiele. Wenn du in der Premier League spielst, weißt du ganz genau, wer für was zuständig ist, wer welche Qualitäten auf welcher Position hat und alles ist darauf abgestimmt. Du spielst so, wie du es trainiert hast, wie du es stundenlang einstudiert hast, und dann schießt du ein Tor.

Wie ist es in der Sunday League?
In einem Sonntagsspiel musst du nicht nur einen guten Ball spielen, sondern einen perfekten und so deine Mitspieler in Szene setzen, dass sie nur noch abschließen müssen. Nicht, dass der Ball noch lange rumhüpft und sie überlegen müssen, wie sie ihn jetzt schießen. Über sowas musst du vorher nachdenken. In der Sunday League ist Fußball dazu da, dass du dich entspannst und dass du lächelst, aber ja natürlich gewinnen will ich trotzdem (lacht).

Wir haben gehört, dass Sie einen Mannschaftskollegen an einer Pommesbude erwischten und sagten: »Pommes am Abend vor dem Spiel, willst du mich veralbern?«
So sind die Jungs, die nehmen das nicht ganz so ernst wie ich. Die trinken halt abends ein paar Bier oder essen Pommes und stellen sich sonntags einfach auf den Platz und bolzen los. Aber ich habe das noch so aus meiner Profilaufzeit in mir, da musste ich immer aufpassen, was ich esse, was ich trinke. Ich wollte sie davon überzeugen, dass das Sinn macht, darauf zu achten, aber sie hören einfach nicht auf mich (lacht). Ich bin es halt gewohnt, immer auf meine Fitness zu achten.

Sie nehmen die Spiele für die Wanderers schon sehr ernst?
Ich will immer gewinnen. Aber mir ist auch klar, dass man das nicht mit der Premier League vergleichen kann. Im Villa Park ist alles wochenlang im Voraus organisiert und dann kommst du zu uns auf den Platz, und da ist alles ein bisschen vermoost. Es gibt Löcher im Rasen, und wenn es nur ein bisschen regnet, dann wird es echt matschig. Es stehen überall Bäume herum ohne richtige Abgrenzungen, und manchmal siehst du die Linien auf dem Platz nicht mehr.

Damit kommen Sie klar?
Ja, weil die Motivation in Shirley eine ganz andere ist als in der Premier League. Es ist nicht wie im Profifußball, mit all diesem Druck – es geht nur darum, dass wir uns da zusammen treffen und Spaß haben. Die Jungs kommen einfach dahin, um zu spielen, um zu entspannen, um hinterher ein Bier miteinander zu trinken.

Dürfen Sie auch schon wieder Bier trinken?
Ich habe meine Ärzte danach gefragt und sie haben gesagt: »Ja, aber in Maßen«. Manchmal trinke ich ein paar Bier oder mal ein Gläschen Wein, aber ich möchte noch darauf warten, dass ich keine Steroide mehr nehmen muss. Während der Chemotherapie musst du sehr drauf achten, was du isst und trinkst und ich habe immer versucht, dass penibel einzuhalten, damit ich meinen Körper nicht noch mehr belaste, weil na klar, leidet auch meine Leber automatisch mit, da brauche ich nicht noch Alkohol draufkippen.