Mike Büskens über die Eurofighter

»Wir Blinden haben es tatsächlich gepackt«

Mike Büskens gewann als Eurofighter mit dem FC Schalke sensationell den Uefa-Pokal. Im Interview lüftet er die Geheimnisse hinter dem Erfolg: Pommes-Currywurst und Kabinenfeste.

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Herr Büskens, bis heute singen die Schalker Fans den Hit »Wir schlugen Roda...«. Stimmt es, dass dieser Gesang auf Ihrem Anrufbeantworter seinen Anfang nahm?
Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber der Verfasser versichert mir immer wieder, dass er ihn auf der Rückfahrt vom Achtelfinalspiel in Brügge erfunden hat. Dann rief er bei mir an und ein ganzer Bus sang los: »Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlagen Brügge sowieso, Teneriffa, Inter Mailand und Monaco – das wäre ne Show.« Also noch im Konjunktiv.

Dann wurde es tatsächlich eine Show...
... und was für eine. Eine Show, von der du als junger Fußballer nur träumen kannst. Wissen Sie, als Kröte war ich Fan von Borussia Mönchengladbach, Heynckes, Lienen, Uli Sude, Wilfried Hannes. Ich verfolgte die Europapokalspiele im Radio auf WDR2, obwohl ich eigentlich schon lange ins Bett musste. Am anderen Tag habe ich dann auf dem Schulhof die Spiele gegen Liverpool auf der Straße nachgespielt. Selbst mal im Europapokal zu spielen, das war für mich schon das absolute Highlight. Eigentlich für uns alle, wir waren ja nicht einmal der Favorit für die dritte Runde. Vom Uefa-Pokal-Sieg ganz zu schweigen.

Wie war die Stimmung innerhalb der Mannschaft während der Saison 1996/97?
Der Zusammenhalt war ganz besonders. Ich glaube, dass Trainer Jörg Berger 1993 bereits den Grundstein für unseren Teamspirit gelegt hat. Vor seiner Zeit waren wir noch nicht so ein verschworener Haufen, Berger aber führte so genannte »Kabinenfeste« ein. Dabei saßen wir nach dem Training in der Umkleide zusammen, mal hat einer Kuchen mitgebracht, ein anderer mal Getränke. So haben wir uns außerhalb des Fußballs miteinander beschäftigt, den anderen kennen gelernt. Bergers Nachfolger Huub Stevens hat diese Treffen weiter gepflegt.




>>>Das Werk eines Wahnsinnigen: Lesen Sie hier die Hommage an Büskens' Tor in Brügge>>>


Hat die Entlassung von Berger im Oktober 1996 auch zu dieser Geschlossenheit beigetragen? Die Mannschaft stand in jenen Tagen immens in der Kritik.
Wir galten in der Öffentlichkeit als die Schuldigen für die Entlassung, das wurde uns nicht gerecht. Diese Mannschaft wollte sich entwickeln, sie war gierig nach Erfolg. Bis auf Thöni hatten die meisten noch keine Titel gewonnen, wir wollten mehr, mehr, mehr. Wir hatten aber das Gefühl, dass die Dinge etwas schleifen gelassen werden. Rudi Assauer hat uns in dieser Situation befragt und wir haben uns geäußert. Doch wir haben Berger nicht ans Messer geliefert. Wir waren keine Horde Schweinepriester, die mit der Kettensäge an den Stuhl des Trainers gehen.

Das folgende Heimspiel wurde dennoch zum Spießrutenlauf.
Die Fans riefen bei der Aufstellung hinter jedem Vornamen der Spieler nur: Berger. Thöni, Martin und ich hatten am Abend vorher einen allergischen Schock erlitten, uns ging es auf dem Platz richtig dreckig. Und dann wurden wir offen angefeindet. Wir mussten mit der grünen Minna vom Stadion zur Geschäftsstelle gebracht werden. Sat.1 hat zwei, drei Spieler zum Interview am Sonntag ins Studio eingeladen. Doch wir entschlossen uns, mit der kompletten Mannschaft hinzufahren, um uns zu stellen. Zu Ihrer Frage: Ja, wir haben dadurch eine Wagenburgmentalität aufgebaut.

In jener Saison gab es weitere Rückschläge: Die beiden Stürmer verletzten sich schwer, auf Teneriffa vergab Johan de Kock einen entscheidenden Elfmeter. Wie ist die Mannschaft damit umgegangen?
Das alles konnte uns nicht aufhalten. Für uns war diese Saison etwas Einmaliges. So eine Chance, mit Schalke den Europapokal zu gewinnen, hast du als Spieler nur einmal im Leben. Da gibt es nur eine Losung: Greif zu! Wir haben in allen sechs Uefa-Cup-Heimspielen kein Gegentor bekommen, das hat unser Selbstbewusstsein geschärft. Außerdem herrschte im Jahr 1997 eine ganz besondere Atmosphäre, diese Energie in der Stadt und drum herum hat uns einfach getragen. Zum Endspiel nach Mailand reisten 25 000 Schalker und in jeder Ecke der Stadt wurdest du aufgebaut. Ich habe das mitbekommen, weil ich vor jeder Runde aus Aberglaube Currywurst-Pommes essen gegangen bin. (lacht.) Das war der eigentlich entscheidende Grund für den Titel – ich habe mich geopfert.

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