Michael Schulz über die Olympischen Spiele 1988

»Schon einige Granaten dabei«

Wie kam es dann, dass Sie alle sechs Spiele gemacht haben?
(lacht) Wenn ich das wüsste. Wir sind einen Tag vor dem ersten Spiel angekommen, und dann zum Training gefahren. Anschließend hat mich Hannes Löhr in den Arm genommen und gefragt: »Wie sieht’s aus Langer, hast du Lust morgen zu spielen?« »Naja, wenn sie mich so fragen…« Irgendwie kam das ganze Olympische Turner für mich so überraschend, dass ich gar keine Zeit hatte, nervös zu werden. Meine Leistungen waren dementsprechend gut, die Kritiken auch und ich blieb im Team.

Drohte im Olympischen Dorf eigentlich der Lagerkoller?
Ach, kein bißchen. Hannes Löhr hat uns so viel Freiraum gelassen, dass wir alles machen konnten, was wir wollten. An freien Tagen ging es zu den verschiedensten Wettbewerben gegangen, im Olympischen Dorf haben wir mit den anderen Athleten gequatscht. Zum Beispiel trafen wir Steffi Graf oder machten Fotos mit einem 2,13 Meter großen Chinesen. Wahrscheinlich Basketballspieler. Zuvor sind wir noch durch das Land gezogen, spielten in Pusan, Taegu und Kwangju und konnten auch von dort Eindrücke sammeln. Trainiert wurde kaum, bei sechs Spielen in zwei Wochen. Die Fitness hatten wir in der Bundesligavorbereitung unserer Klubs geholt, vor Ort ging es vor allem um Spielformen und Regeneration.

Klingt nach einem schönen Ausflug nach Südkorea.
War es auch, doch bei aller Lockerheit war die Mannschaft im Spiel und im Training hochkonzentriert. Wir hatten eine enorme spielerische Qualität und einen tollen Zusammenhalt. Schade, dass es nicht zur Goldmedaille gereicht hat. Die Niederlage gegen Brasilien im Halbfinale nach Elfmeterschießen war schon ziemlich unglücklich.

Wie empfanden Sie das Niveau?
Brutal hoch, denn es haben schon einige Granaten mitgespielt. Bei Schweden Martin Dahlin, Brasilien trat mit Claudio Taffarel, Bebeto und Romario an, die UdSSR hatte Igor Dobrowolski und Sergej Gorlukowitsch, dazu noch die Argentinier und Italiener. Wenn man bedenkt, was manche Spieler für Karrieren anschließend hingelegt haben, wirkt das Turnier im Nachhinein noch schwerer. Der Gewinn der Bronzemedaille ist eine klasse Leistung. Deshalb halte ich sie auch immer noch in Ehren. Ich bringe die Medaille stets meinen Kids im Camp mit, die sie dann ehrfürchtig betrachten und ganz behutsam anfassen.

Als bisher einzige Medaille in der DFB-Geschichte ist sie ja auch eine echte Rarität. Und Ihr Team war bislang auch das letzte, dass sich überhaupt für Olympische Spiele qualifizieren konnte.
Wirklich wahr? Dabei sollte die Aussicht auf eine Teilnahme an diesem Event eigentlich Ansporn genug sein. Dort die Chance zu haben, eine Olympische Medaille zu gewinnen ist doch das höchste der Gefühle. Mir läuft es jetzt noch kalt den Rücken runter, wenn ich an unsere Medaillenübergabe denke, wie die Nationalflagge augezogen wurde. Gespielt wurde zwar die russische Nationalhymne, weil die UdSSR Gold gewann – aber seitdem mag ich diese auch sehr gerne.