Michael Probst über seine kurze Bundesligakarriere

»Ich nenne mich Uefa-Cup-Sieger«

Torhüter Michael Probst machte beim FC Bayern zwar nur zwei Bundesligaspiele, doch er erlebte drei Trainer, er wurde Uefa-Cup-Sieger, Vizemeister und bekam kein einziges Gegentor. Wir sprachen mit ihm über sein großes Jahr. Michael Probst über seine kurze BundesligakarriereImago
Heft#117 08/2011
Heft: #
117

Michael Probst, Sie haben in Ihrer Fußballkarriere nur zwei Bundesligaspiele gemacht. Bezeichnen Sie sich heute als Ex-Bundesligaspieler?

Michael Probst: Ich bezeichne mich als Uefa-Cup-Sieger. (lacht) Ich stand in der Saison 1995/96 bei neun von zwölf Uefa-Cup-Spielen im Kader – zum Einsatz kam ich leider nicht.

[ad]

Sie waren 33 Jahre alt, als Sie 1995 Ihr erstes Bundesligaspiel machten. Wie sind Sie eigentlich beim FC Bayern gelandet?

Michael Probst: Ich spielte viele Jahre in bayrischen Amateurligen, bei Klubs wie BSC Sendling 1918 München oder SV Türk Gücü München. Als ich beim SV Lohhof unter Vertrag stand, trainierte ich unter dem ehemaligen Profi Wolfgang Dremmler, der zugleich Scout des FC Bayern war. Er vermittelte mich 1995 an die Bayern-Amateure.

Sie waren aber von Beginn an im Kader der Profis.

Michael Probst: Weil der Ersatztorwart Sven Scheuer an einer langwierigen Verletzung laborierte, war ich vom ersten Spieltag an Teil der Profimannschaft. Das war mitunter sehr umständlich, schließlich übte ich weiterhin meinen Job als IT-Leiter im Rathaus von Unterhaching aus.

Sie hatten einen nachsichtigen Chef?

Michael Probst: Und Kollegen, die mir den Rüclen freihielten. Zudem feierte ich in dem Jahr 15 Tage Urlaub und 150 Überstunden ab. Wenn es ins Ausland ging, wurde es richtig kompliziert, denn oft bekam ich erst kurz vor den Uefa-Cup-Spielen einen Anruf mit dem Hinweis, dass Sven Scheuer weiterhin ausfalle. Das bedeutete für mich: Sachen packen und am nächsten Morgen im Bayern-Sakko ins Rathaus. Dort arbeitete ich meine Sachen bestenfalls bis zum Mittwoch vor, danach ging es zum Flughafen.

Im Uefa-Cup-Achtelfinale gegen Benfica Lissabon wären Sie beinahe zum Einsatz gekommen.

Michael Probst: Oliver Kahn verletzte sich während des Spiels an den Adduktoren. Jeder andere Spieler hätte sich vermutlich auswechseln lassen, doch Olli biss auf die Zähne – und ich lief mich 60 Minuten lang warm. Schade.

Wenige Tage später, am 9. Dezember 1995, debütierten Sie in der Bundesliga bei einem Auswärtsspiel in Düsseldorf. Wie stark flatterten die Nerven?

Michael Probst: Die Anspannung war groß, klar. Schließlich war das Rheinstadion zum ersten Mal seit 1974 ausverkauft. Außerdem wusste ich, dass alle Augen auf mich gerichtet waren: Den Stellvertreter des großen Olli Kahn. Ein 33-jähriger Amateurkeeper, der in den vergangenen Jahren für Lohhof oder Türk Gücü gespielt hatte.

Was gab Ihnen Otto Rehhagel mit auf den Weg?

Michael Probst: Er nahm mich einen Tag vor dem Spiel zur Seite. »Herr Probst«, sagte er. »Sie wissen, dass Sie am Samstag spielen werden.« Ich nickte. »Eine Frage nur: Wie verhalten Sie sich bei Flanken?« Ich antwortete: »Wie sonst auch: Ich versuche sie je nach Situation abzufangen.« Er sagte trocken: »Nein, Sie bleiben im Kasten.« Ihm war scheinbar auch nicht ganz geheuer bei der Vorstellung, dass ein Amateurkeeper das Tor des FC Bayern hüten sollte.

Sie machten Ihre Sache allerdings gut. Der FC Bayern gewann 2:0. Wie waren die Reaktionen nach dem Spiel?

Michael Probst: Großartig. Ich gab Interviews für Sat1, DSF, die ARD. In den meisten Berichten wurde ich als bester Mann auf dem Platz erwähnt. Ein wunderbarer Tag. Zumal es am Abend noch zur Weihnachtsfeier ging.

Gab es Lob von den Stars, von Matthäus, Klinsmann oder Kahn?

Michael Probst: Ich kam etwas später zur Weihnachtsfeier, weil ich meine Frau noch abholen musste. Als ich den Saal betrat, gab es lautstarken Applaus. Ein tolles Gefühl. Lothar sagte später noch: »Wo hast du dich denn über all die Jahre versteckt gehalten?«

Am 34. Spieltag der Saison 1995/96 kamen Sie erneut gegen Fortuna Düsseldorf zum Einsatz. Es war ihr zweites und letztes Bundesligaspiel. Dabei hätte die Partie gar nicht zählen dürfen.

Michael Probst: In der Halbzeitpause signalisierte Olli Kahn, dass es für ihn nicht mehr weitergehe, er hatte sich an der Schulter verletzt. Es stand zu dem Zeitpunkt 0:2. Allerdings wechselte Augenthaler neben mir drei weitere Spieler ein. Niemand bemerkte etwas. Wir machten noch zwei Tore, das Spiel endete 2:2. Da es für beide Teams bedeutungslos war, sahen die Düsseldorfer von einer Klage ab.

Haben Sie nach der Saison nie Angebote von anderen Klubs bekommen?

Michael Probst: Angeblich soll Fortuna Düsseldorf mal angefragt haben. Wer sonst? (lacht) Ernste Gespräche hat es allerdings nie gegeben. Wenn Otto Rehhagel Trainer geblieben wäre, hätte ich gute Chancen auf einen Profivertrag  gehabt. Unter dem neuen Coach Giovanni Trapattoni hatte ich mit meinen 33 Jahren aber keine Chance mehr. 1997 ging ich zum TuS Geretsried. Meine Fußballschuhe hängte ich 2003 beim FC Miesbach an den Nagel.

Was blieb von Ihrer Zeit beim FC Bayern?

Michael Probst: Viele schöne Erinnerungen – und eine Karriere als Bundesligatorwart ohne ein einziges Gegentor.

----
Im 11FREUNDE Bundesliga-Sonderheft: Minuten des Ruhms. Spieler, die nur ein einziges Mal in der Bundesliga spielten.

Verwandte Artikel