Michael Owen über seine Jugend als Boxer und seine Abneigung gegen Spielfilme

»Filme dauern zu lang«

Michael Owen beherrscht seit der Veröffentlichung seiner Biographie, die eher einer Abrechnung gleicht, die Schlagzeilen in England. Dabei ist er eigentlich ein ziemlich netter Kerl. Ein Gespräch über legendäre WM-Tore, Trikottausch mit Jörg Böhme und Langeweile im Hotel.

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205

Michael Owen, man hat uns vor diesem Gespräch gewarnt.
Oh, warum? Und wer?

Ein englischer Kollege meinte: »Michael Owen ist langweilig. Er kann dir nicht mal sagen, was sein Lieblingsfilm ist, weil er keine guckt.«
Ich fürchte, das stimmt. Zumindest das mit den Filmen.

Aber das ist nicht langweilig, das ist faszinierend! Es gibt Menschen, die keine Bücher lesen. Andere hören kein Radio oder haben keinen Fernseher. Aber wir kennen niemanden, der nie Filme schaut.
Jetzt kennen Sie jemanden. Ich habe es wieder und wieder versucht. Oft kam ein Freund und sagte: »Ich weiß, dass du keine Filme magst, aber diesen hier, den musst du sehen. Der wird dir ganz bestimmt gefallen!« Dann habe ich mich erweichen lassen und gedacht: »Komm, versuch jetzt einfach mal, bis zum Ende durchzuhalten.« Aber schon nach zehn Minuten hatte ich keine Lust mehr, und spätestens nach einer halben Stunde war Schluss. Ich schätze, ich habe in meinem Leben fünf Filme vom Anfang bis Ende gesehen. Und nicht freiwillig, sondern weil ich musste. Bei Mannschaftsabenden oder so.

Noch etwas, das wir nicht glauben können: Stimmt es, dass Sie mal mit einem deutschen Nationalspieler das Trikot getauscht haben – und das Shirt dann wieder zurückforderten?
Das ist so nicht ganz richtig, auf eine gewisse Weise aber schon. Es war nach unserem berühmten 5:1-Sieg mit der Nationalmannschaft in München 2001. Ich versuche mich gerade zu erinnern, wessen Trikot ich hatte. Er trug die Nummer drei.

Jörg Böhme. Es war nicht sein bester Tag.
Böhme, richtig! Wir tauschten die Trikots, weil man das nach einem Spiel eben so macht. Erst als ich in der Kabine saß und alle sich so wahnsinnig freuten, ging mir langsam auf, dass mir dieses Trikot eines Tages wahrscheinlich viel bedeuten würde.

Weil Sie an jenem historischen Abend einen Hattrick erzielt hatten.
Deswegen sagte ich mir, dass es wohl nicht so klug gewesen war, ausgerechnet dieses Trikot wegzugeben. Wir bekamen damals immer zwei Hemden, eines zum Tragen und eines zum Tauschen. Also nahm ich das zweite, ungetragene Trikot und tauschte es bei Böhme wieder gegen das andere ein. Es war ja ein identisches Hemd, nur eben nicht im Spiel getragen. So gesehen haben wir durchaus die Trikots getauscht, denn er hat eines von mir, ich habe eines von ihm.

Aber wie haben Sie den Rücktausch abgewickelt? Sie werden ja kaum in die deutsche Kabine geschlendert sein, um zu Böhme zu sagen: »Kann ich mein Hemd wiederhaben?«
Ich weiß das nicht mehr genau. Vielleicht habe ich ihn auf dem Gang angesprochen. Oder ich habe einen der deutschen Spieler gebeten, das für mich zu erledigen. Ich kannte ja viele. Christian Ziege war beim FC Liverpool mein Mitspieler gewesen und Didi Hamann war es zu dem Zeitpunkt noch.

Sie haben sich auch den Spielball gesichert und ihn angeblich in einem Müllsack aus dem Stadion getragen.
Das war nicht ungewöhnlich. Bei der Nationalelf bekamen wir immer einen großen Müllsack, in den wir nach den Spielen unsere Sachen reinwerfen sollten – Hose, Schuhe, Schienbeinschoner und so. Also habe ich einfach den Ball oben draufgelegt. Bei uns in England ist es ja Tradition, dass man den Spielball behalten darf, wenn man einen Hattrick erzielt hat. In meinem Haus habe ich heute einen kleinen Schrein für die Sachen aus dem Spiel: mein Trikot, den Ball und auch meine Schuhe.

Das Spiel war aber nur eines von mehreren persönlichen Highlights für Sie in jenem Jahr.
Das stimmt, 2001 war phantastisch. Mit dem FC Liverpool habe ich fünf Pokale geholt, und bei der Nationalelf lief es auch gut.

Fünf?
Da war das berühmte Triple aus Ligapokal, FA-Cup und UEFA-Cup … Und zu Beginn der neuen Saison erst der englische Supercup und dann der europäische. Übrigens gegen Bayern München. Fünf Pokale innerhalb von ein paar wenigen Monaten!