Michael Oenning sucht vergessene Talente

»Profi auf dem zweiten Bildungsweg«

Das Abitur kann man nachholen. Den Sprung in den Profi-Fußball auch? Ja, meint Michael Oenning und engagiert sich im Projekt [wieder]entdeckt.

[wieder]entdeckt

Michael Oenning, Sie sind einer der Sichtungstrainer bei [wieder]entdeckt, ein Projekt, das mit der »echten neuen Chance« zum Fußballprofi wirbt. Worum geht es dabei?
Es gibt ja vielerlei Gründe, warum jemand im Jugendzeitraum den Schritt zum Profifußball nicht schafft. Das können familiäre Gründe, Verletzungen oder sogar fehlendes Interesse an Fußball sein. Dann laufen Spieler nicht durch die normale Sichtungsphase des DFB und werden von den Nachwuchsleistungszentren nicht berücksichtigt. Bei [wieder]entdeckt geht es nicht darum, einen Superstar zu finden, sondern den zweiten Bildungsweg als Institution zu einzurichten. Jeder kann heute sein Abitur nachholen, kann sich über Fachhochschulen oder Abendschulen weiterbilden, aber im Fußball fehlte bisher der zweite Weg nach ganz oben. Den Spielern wirklich eine zweite Chance zu geben, ist eine hervorragende Sache.

Insgesamt 500 Kicker erschienen bei den ersten Sichtungsterminen. Waren Sie zufrieden?
Wir haben das Projekt bewusst so gestaltet, dass es vier Sichtungsphasen gibt. So können wir seriös in den einzelnen Stufen trainieren und vor allem rausfinden, wo das Leistungsniveau liegt. Wir wussten ja auch nicht genau, wer kommt. Auch auf dem zweiten Bildungsweg müssen wir die Messlatte so anlegen, dass es realistisch ist, dass jemand dabei ist, der es vielleicht im Profifußball noch schaffen kann. Das Pilotprojekt hat gezeigt, dass da durchaus sehr vielversprechende Spieler dabei sind. Vor allem waren auch zwei oder drei dabei, die bisher überhaupt nicht im Verein Fußball spielen.



Wie viele haben sich durchgesetzt und was kommt auf die »Gewinner« zu?
Im Moment ist es noch ein laufender Prozess. Vor Weihnachten haben wir den Testlauf mit einem Spiel abgeschlossen, in dem die übrig gebliebenen 32 Spieler gegeneinander antreten mussten. Danach haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wer von diesen Jungs einen Fördervertrag bekommen könnte. Fördervertrag heißt im Prinzip, dass sie durch das Projekt über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet werden. Wir helfen den Fußballern bei der Integration in eine Mannschaft und stellen ihnen Ansprechpartner aus dem medizinischen und mentalen Bereich zur Verfügung. Im Grunde versuchen wir die Spieler umfassend zu unterstützen und ihnen den Rücken freizuhalten, damit sie sich voll und ganz auf ihre Profiambitionen konzentrieren können.

Wie kommt der Kontakt zwischen Spielern und Vereinen zustande?
Das Ziel sind flächendeckende Sichtungstermine. Es ist so gedacht, dass man am Ende der Sichtung eine Einladung an die Profivereine bzw. die Scouts ausspricht. Wir bieten den Spielern keine Profi-Verträge, sondern nur die Plattform und die Möglichkeit, sich ins Schaufenster zu stellen und zu präsentieren. Da ist natürlich jeder Verein gut beraten, wenn er sich darüber informiert. Kein Fußballverein will an einem guten Fußballer vorbeisehen. So hat sich zum Beispiel Rico Schmitt, Trainer von Kickers Offenbach, eine der Trainingseinheiten sehr interessiert angeschaut. Vorher wusste er nicht genau, was auf ihn zukommt. Aber dann hat er sich drei Spieler rausgesucht und zum Training eingeladen. So könnte das natürlich auch in Zukunft funktionieren.