Michael Ballack über seine CL-Final-Niederlagen

»Man darf sich nicht nur über Fußball definieren«

Mit Chelsea standen Sie 2008 noch mal im Finale – und verloren gegen Manchester United erneut. Welche Niederlage war schmerzhafter?
Am meisten weh tat das Halbfinalaus gegen Barcelona im Jahr darauf, als wir meines Erachtens noch besser waren als 2008 und leider – ich kann es nicht anders sagen – der Schiedsrichter sehr zweifelhafte Entscheidungen traf.

Das fast ikonografische Bild, wo Sie Referee Tom Henning Øvrebø über den halben Platz verfolgen, drückt also tatsächlich die reine Verzweiflung aus?
Absolut. Da waren zwei oder drei Handspiele dabei und ein Foul, bei dem man als Schiedsrichter schon mit zwei Scheuklappen rumlaufen musste, um keinen Elfmeter zu geben. Trotz all dieser Sachen hätte es ja fast gereicht, aber dann schießt Barcelona in der 94. Minute zum ersten Mal aufs Tor, der Ball ist drin, und du kannst nicht mal mehr reagieren.

War das der Moment, wo Ihnen dämmerte, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit Ihnen und diesem vermaledeiten Pokal?
Nein, das war eher im Finale 2008, als ich während des Elfmeterschießens machtlos im Mittelkreis stand. Zu wissen, dass nur noch dieser eine Elfmeter von John Terry reingehen muss, damit du endlich den Pokal hast – und dann schießt er an den Pfosten. Da habe ich wirklich gedacht, vielleicht hat der da oben etwas dagegen, dass ich das Ding in den Händen halte.

Was finden Sie schlimmer: die Champions League nicht gewonnen zu haben oder nie Weltmeister geworden zu sein?
Ideell hat der Weltmeistertitel eine viel größere Bedeutung, weil eine Weltmeisterschaft nur alle vier Jahre stattfindet. Die Weltmeister kann man problemlos bis 1954 runterbeten, aber ich könnte aus dem Stegreif nicht sagen, wer 2003, 2004 oder 2005 die Champions League gewonnen hat. Dadurch, dass der Wettbewerb Jahr für Jahr läuft, ist er ein bisschen austauschbarer. Sportlich sieht es natürlich etwas anders aus, da hat die Champions League ein größeres Gewicht, weil dort die Besten der Besten spielen. Man muss in einer Champions-League-Saison mehr Topmannschaften aus dem Weg räumen als bei einer WM. Letztlich kann man die Frage nur persönlich beantworten.

Und das fiele in Ihrem Fall wie aus?
Weltmeister ist für mich der größere Titel, aber den Champions-League-Pokal hätte ich eher verdient gehabt. Ich stand zwar 2002 auch in einem WM-Finale, aber bis auf das Endspiel haben wir damals nicht den attraktivsten Fußball gespielt. Und es war vorher auch nicht im Ansatz zu erwarten gewesen, dass wir dort Weltmeister werden.

Philosophische Frage zum Schluss: Ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn der Mensch im Leben nicht alle Ziele erreicht?
Fußballer sind insofern ein Sonderfall, als sie ihre Karriere aus biologischen Gründen nach fünfzehn oder zwanzig Jahren beenden müssen. In meinem neuen Leben spielt es keine große Rolle, ob ich früher einmal die Champions League gewonnen habe oder nicht. Man darf sich halt nicht nur über Fußball definieren.