Mehr als nur Spaßvogel: Thomas Zampach im Interview

»Meine Bomberjacke hatte Brandlöcher«

In der Folge-Spielzeit kamen Sie lediglich auf elf Einsätze. Hatten Sie den Zenit Ihrer Karriere überschritten?
Alles änderte sich mit der Jahrtausendwende. Anfang 2000 kam mein Sohn zur Welt. Leider viel zu früh, das hat mich natürlich sehr belastet. Zeitgleich reihte sich eine Verletzung an die andere, mal war es der Daumen, mal die Bänder, mal der Knöchel – irgendwann erkrankte ich auch noch an Borreliose in Folge eines Zeckenbisses. Anfang Februar 2000 ersetzte Felix Magath Jörg Berger. Ich merkte schnell, dass der neue Trainer ein Problem mit mir hatte. Ich kann bis heute nicht genau sagen, was für Probleme das waren. Leider habe ich es versäumt, ihn darauf festzunageln.

Stimmt es, dass Magath Ihnen im Entmüdungsbecken mitteilte, dass Sie nicht mehr zur ersten Mannschaft gehören?
Das ist richtig. Während der Saisonvorbereitung auf die Spielzeit 2000/01 saßen wir irgendwann ganz alleine in dem Becken. Bei der Gelegenheit eröffnete er mir, dass er fortan mit mir als Stand-by-Profi plane und ich mich bei den Amateuren fit halten solle. Selbstverständlich war das keine wirklich schöne Situation für mich, aber gleichzeitig kann ich Magath keinen Vorwurf machen. Er tat das, wofür er geholt worden war und rettete die Eintracht vor dem Abstieg.

Sie waren zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre alt. Wollten Sie sich nicht nach einem anderen Verein umsehen?
Mit dem Gedanken habe ich gespielt. Aber ich war gerade Vater geworden und hatte mir mit meiner Frau ein Haus gebaut. Ich spielte bei meinem Herzensverein. Und dann bot mir die Eintracht den Job als Fanbetreuer an. Ich entschied mich, in Frankfurt zu bleiben.

Wie sah fortan Ihr Arbeitsalltag aus?
Ich trainierte und spielte bei den Amateuren – ein Bundesligaspiel habe ich nie wieder gemacht. In unserer damaligen Truppe waren Jungs wie Christoph Preuß, Guiseppe Gemiti oder Jermaine Jones, große Talente. Gerade Jermaine versuchte ich unter meine Fittiche zu nehmen. Der war unbestreitbar ein fantastischer Fußballer, hatte jedoch eine viel zu laxe Einstellung. Ich sagte ihm: »Jermaine, mit deinem Talent musst Du 400 Bundesligaspiele machen. Aber wenn du so weiter machst, glaube ich, dass es nur 50 werden.« Ich bot ihm gar eine Wette an, doch er lehnte ab.

Waren Sie denn für den Job als Fanbetreuer geeignet?
Ich denke schon. Mit 13 ging ich regelmäßig zur Eintracht, unser Fanklub nannte sich »FC Everton«, das war die Gang vom Frankfurter Berg, ziemlich viele schräge Typen. Ich liebte die chaotische Atmosphäre, auch wenn das nicht ungefährlich war. Meine Bomberjacke war übersäht von Brandlöchern durch umherfliegende Kippen und nicht selten flog einem das Bier in den Nacken. Einmal, ich glaube beim Spiel gegen Köln, wurden wir von den Hools durch die Straßen gejagt, konnten aber entwischen.

Haben Sie selbst auch mal die Fäuste fliegen lassen?
Nein. Gewalt war nicht so mein Ding. Meine Jungs und ich waren eher auf »Michel aus Lönneberga«-Niveau: Ab und an mal Scheiße bauen, aber am Ende des Tages doch diejenigen sein, die den Omas die Einkäufe nach Hause tragen.

Wie sah dann viele Jahre später Ihre Arbeit als Fanbetreuer aus?
Dass wir ausgerechnet in meiner ersten Saison als Fanbetreuer abstiegen, hat die Sache nicht gerade erleichtert. Gleich meine erste Auswärtsfahrt im Sonderzug endete damit, dass irgendeiner kurz vor München die Notbremse betätigte und wir schließlich von bewaffneten Polizisten mit Schäferhunden zum Stadion von 1860 begleitet wurden. Nach einer Niederlage wollten die Jungs sogar die Kabinen stürmen, gemeinsam mit den Ordnern versuchte ich, sie daran zu hindern. Was gerade so funktionierte. Sagen wir es so: Es war eine aufregende Zeit (lacht).

Sie blieben bis 2004 bei der Eintracht, arbeiteten unter anderem auch als Scout für die SGE, sowie in der Fußballschule von Charly Körbel und versuchten sich dann als Trainer bei Wehen Wiesbaden und Darmstadt 98. Was machen Sie heute?
Zunächst einmal bin ich froh, dass ich die zu Beginn angesprochene schwere Zeit überwunden habe. Das gelang mir auf psychischer Ebene dank Susanne, auf physischer Ebene mit Hilfe einer alten Freundin, die mich wieder für meine große Liebe, den Sport, motivierte. Heute bin ich dem lieben Gott dankbar für diese schwere Prüfung, denn ich bin gestärkt aus ihr hervorgegangen und habe mich quasi neu erfunden. Ich absolvierte eine Ausbildung zum Sportmentaltrainer und stellte fest, dass das absolut mein Ding ist. Der Typ an der Front, der Cheftrainer, das bin ich nicht. Sondern der Teamplayer, der Zuarbeiter. Ich bezeichne mich selbst als Potentialentwickler. Für diesen Job bin ich geboren: Menschen auf ihrem Weg helfen, das Maximum aus sich herauszuholen. Grenzen zu überwinden, an sich selbst zu glauben, Dinge zu bewältigen, die man für unmöglich hielt. Mit Rückschlägen umzugehen, sogar noch stärker aus ihnen zurückzukommen. Meine eigene Geschichte ist sicherlich die beste Qualifikation für diesen Job.