Mehr als nur Spaßvogel: Thomas Zampach im Interview

»Die hätten auch mein Kaugummi genommen«

Warum verließen Sie 1996 den FSV und wechselten zum SV Wehen in die Oberliga? Damals ein Absturz um zwei Spielklassen.
Kurz vor dem Saisonstart 1996/97 ging ich zum damaligen Mainzer Trainer Wolfgang Frank und fragte ihn nach meinen Chancen. »Fünf, sechs Spieler sind vor dir«, sagte er mir. Woraufhin ich antwortete: »Aber so viele Spieler haben wir doch gar nicht für meine Position!« Da wusste ich, dass ich keine Zukunft mehr hatte und nahm das Angebot vom SV Wehen an. Mein Plan hat ja dann auch letztlich funktioniert.

Welcher Plan?
Mich für einen Vertrag bei der Eintracht zu bewerben. Wir wurden Oberligameister und stiegen auf, Frankfurts Trainer Horst Ehrmanntraut wurde auf mich aufmerksam und holte mich schließlich endlich zur SGE.

Die allerdings damals ebenfalls in der 2. Bundesliga spielte.
Das war mir egal. Ich war endlich da, wo ich hingehörte. Am 25. Juli 1997 gab ich mein Debüt im Waldstadion. Gegen Fortuna Düsseldorf. Ich hatte Jahre auf diesen Tag hingearbeitet. Mein Gegenspieler war Igor Dobrovolski. Der schoss zwar ein Tor, hatte ansonsten aber einen sehr schmerzhaften Tag. Nach 68 Minuten musste mich Ehrmanntraut vom Platz nehmen – ich war akut rotgefährdet. Wir gewannen mit 3:2, das war alles, was zählte.

Wie schafften Sie es, in Rekordzeit zum beliebtesten Spieler in der Mannschaft zu werden?
Eine wirkliche Erklärung habe ich da nicht. In der 1. Runde des DFB-Pokals spielten wir Mitte August 1997 beim VfL Halle. Da hörte ich während des Spiels das erste Mal diesen Gesang: »Thomas Zampach, Fußballgott!« Ich war selber ganz perplex. Vermutlich war es die Mischung aus meiner Herkunft und meinem Spielstil, der den Fans gefallen hat: Ein Frankfurter Jung, der für seine Eintracht alles gibt und 90 Minuten marschiert – das kam gut an.

In dieser Saison schaffte die Eintracht die Rückkehr in die Bundesliga. In was für einer Mannschaft spielten Sie damals?
Dazu muss ich Ihnen die Geschichte von der »Bistroeröffnung« erzählen. Das war in meinem ersten Trainingslager. Wir waren in Seefeld, Tirol, irgendwo im Nirgendwo. Eines Tages nahm mich mein Zimmerkollege Urs Güntensberger zur Seite und sagte: »Thomas, heute Abend ist große Bistroeröffnung, Du bist dabei!« Den ganzen Tag lang fragte ich mich, wo in diesem Kaff ein Bistro eröffnet werden sollte, bis ich abends in unser Zimmer kam: Da saß die halbe Truppe mit Bierchen, Currywurst und Pommes. »Willkommen zur Bistroeröffnung!«, riefen die Jungs. Wir hatten einen grandiosen Abend. Leider wohnte direkt über uns Horst Ehrmanntraut. Der ließ uns den Spaß, gab uns allerdings am nächsten Morgen auf seine Weise zu verstehen, was er von der Aktion hielt: Bei den 20 100-Meter-Läufen hintereinander fand so manche Currywurst den Weg in die Freiheit. Aber alle zogen das knallhart durch. Das hat diese Mannschaft richtig zusammengeschweißt.

In Frankfurt machten Sie sich auch bald einen Namen als Spaßvogel. Ihre beste Aktion?
Oh, da gab es ja einige. Als Jürgen Klinsmann in England nach seinen Toren den »Diver« einführte, setzte ich noch einen drauf: Nach einem Sieg gegen die Stuttgarter Kickers zog ich mir Taucherbrille und Schnorchel über und setzte zum Diver vor der Kurve an. Nach dem wichtigen 2:1 gegen Unterhaching in der Aufstiegssaison stieg ich auf die Auswechselbank, um mit den Fans zu jubeln. Das Teil brach beinahe in sich zusammen. Und kurz zuvor, beim 1:0 gegen Uerdingen, griff ich mir eine der großen Blockfahnen – seitdem habe ich Hochachtung vor den Jungs, die so ein Ungetüm das ganze Spiel über schwenken!

Unvergessen ist auch Ihr Nackt-Lauf nach dem letzten Spieltag der Saison 1997/98 gegen Fortuna Köln. Eine geplante Aktion?
Ganz und gar nicht! Als das Spiel abgepfiffen wurde, brachen alle Dämme. Erst flog mein Trikot, dann meine Stutzen, schließlich meine Schienbeinschoner in die Menge. Die hätten an diesem Tag auch mein Kaugummi genommen. »Wollt ihr auch noch meine Hose?«, fragte ich die Fans. »Klar, her damit«, kam es als Antwort. Also verabschiedete ich mich auch von meiner Buchse. Da stand ich nun, wie Gott mich schuf. Ein Fotograf gab mir sein Leibchen und ich rannte in die Kabine.

Wo vermutlich schon eine dicke Party im Gange war.
Der ganze Boden war voll mit Bier, Champagner und Duschgel. Also setzte ich nackt zum Diver an. Einer unserer Betreuer nahm mich später zur Seite: »Zampe, wenn da auch nur eine Scherbe auf dem Boden gelegen hätte, hättest Du Dir die Bauchdecke aufgeschnitten!« Aber das war mir in dem Moment egal. Bei der Aufstiegsfeier am Römer sang ich dann auch noch »Piep Piep Piep« von Guildo Horn und machte meiner damaligen Freundin einen Heiratsantrag.

Aus heutiger Sicht betrachtet: Haben Sie es in Sachen Spaßvogel übertrieben?
Damals nicht. Das war einfach eine Extremsituation, bei der die Gefühle und auch die Emotionen raus mussten. Das bereue ich nicht.

Nur ein Jahr später befanden Sie sich in der nächsten Extremsituation. Am letzten Spieltag gelang es der Eintracht nur durch jenes legendäre 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern, die Klasse zu halten. Sie wurden nach dem 1:1 durch Michael Schjønberg ausgewechselt und verfolgten den Wahnsinn von der Ersatzbank. Hatten Sie die Bundesliga nicht längst schon abgeschrieben?
Nein! Ich erzähle Ihnen mal was: Am Tag vor dem Spiel bat mich Eintracht-Präsident Rolf Heller in sein Büro. Mein Vertrag galt nicht für die 2. Liga, das wollte er mit mir ändern. Da sagte ich: »Herr Präsident, wir müssen uns darüber nicht unterhalten. Wir werden nicht absteigen, das verspreche ich ihnen!« Und ich glaube, so hat auch der Rest der Mannschaft gedacht.