Max Eberl über Marco Reus und den FC Bayern

»In der Bundesliga gibt es 17 Bayern-Jäger«

Als Max Eberl Sportdirektor in Gladbach wurde, spottete Berti Vogts: »Der ist wohl zufällig mit dem Fahrrad vorbeigekommen.« Nun wird die von ihm zusammengestellte Mannschaft als Bayern-Jäger gehandelt. Wie stehen die Chancen im Spitzenspiel?

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Max Eberl, wir gehen davon aus, dass Sie am Fernseher Zeuge des Gala-Auftritts der Bayern in Rom gewesen sind – ist Ihnen angesichts der Form, in der sich die Spieler von Pep Guardiola trotz WM-Strapazen schon wieder befinden, nicht Angst und Bange geworden?
Nein. Das Spiel gegen Rom war nur eine Bestätigung dafür, dass der FC Bayern eben zu den besten Mannschaften der Welt zählt. Irgendwann würden die Bayern wieder richtig in Fahrt kommen, das war doch klar. Dass es so schnell gegangen ist, überrascht vielleicht den einen oder anderen.  Aber wenn ein Klub das schafft, dann der FC Bayern München.
 
Auch Bremen ist mit 0:6 unter die Räder gekommen.
Ich hoffe und gehe auch mal davon aus, dass unsere Spieler nicht in Ehrfurcht erstarren. Man muss davon ausgehen, dass wir wohl verlieren werden, wenn das Bayern-Team eine Top-Leistung auf den Platz bringt. Aber wenn andersherum wir eine richtig gute Leistung zeigen, können wir den dem FC Bayern die Sache mindestens sehr schwer machen.
 
Ihr Trainer Lucien Favre kann mit dem Titel »Bayern-Jäger« nichts anfangen.
Das geht uns allen im Verein so. In der Bundesliga gibt es 17 Bayern-Jäger. Der FC Bayern wird in jedem Spiel gejagt – seit Jahrzehnten schon.
 
Gladbach, Hoffenheim und Mainz – dieses Trio hätte man eigentlich nicht auf den Plätzen zwei bis vier erwartet. Sind Sie auch überrascht?
Es kann immer sein, dass eine der Topp-Mannschaften schwächelt. Aber diesmal sind mit Dortmund und Schalke gleich zwei von diesen Klubs betroffen. Und Wolfsburg und Leverkusen sind auch nicht so in die Gänge gekommen. Von daher ist das schon ein bisschen überraschend. Aber Hoffenheim hat sich klug verstärkt, Mainz hat schon in der vergangenen Saison überzeugend gespielt und wir haben in den vergangenen Jahren ebenfalls eine sehr gute Entwicklung genommen. Die momentane Tabellensituation ist zudem der Ausdruck dafür, wie dicht alles in der Bundesliga zusammen ist.
 
Als Sie vor sechs Jahren Sportdirektor bei Gladbach wurden, war von der Europa- oder gar Champions League noch nicht die Rede. Es ging um den Klassenerhalt.
Ich bin seit 16 Jahren im Verein und wusste, dass ein langer Weg vor uns liegen würde. Der Fast-Abstieg in der Saison 2010/20111 wirkte dann nochmals wie ein reinigendes Gewitter. Es sind damals einige gute Entscheidungen getroffen worden, zum Beispiel die Verpflichtungen von Dante, Reus, Stranzl und Hanke.
 
Und die von Lucien Favre, der  für Michael Frontzeck in der Rückrunde kam – ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte.
Dabei wurde die Verpflichtung in der Öffentlichkeit anfangs skeptisch gesehen. Warum ein Strategietrainer, die brauchen doch einen Feuerwehrmann? In den Vereinsgremien gab es keine Diskussionen. Lucien Favre war zwar seit eineinhalb Jahren arbeitslos gewesen. Trotzdem waren wir uns sicher, dass Lucien Favre sowohl der richtige Mann ist, um den Klassenerhalt zu schaffen als auch für die Zeit danach, wenn es darum gehen würde, eine Mannschaft mit jungen Spielern aufzubauen. Favre passt zu Gladbach, und Gladbach passt zu Favre, weil er mit jungen, hungrigen Spielern arbeiten will.
 
Auch bei den Spielertransfers haben Sie bislang als Manager häufig ein glückliches Händchen bewiesen. Es heißt, Sie würden dafür akribisch Informationen sammeln.
Das ist sehr wichtig, um abschätzen zu können, ob ein Spieler wirklich zum Verein passt oder nicht. Dafür braucht man vor allem ein funktionierendes Netzwerk mit Menschen, von denen man gute, vertrauliche Informationen bekommen kann. Es geht aber nicht nur darum, bei einer Verpflichtung als Sportdirektor selbst ein gutes Gefühl zu haben, das muss auch der Spieler haben. Man muss ihn von einem Verein überzeugen.
 
Das Wissen um Ausstiegsklauseln in den Verträgen ist auch von Vorteil, wenn es darum geht interessante Spieler für verhältnismäßig wenig Geld  zu bekommen – wie die Beispiele André Hahn und Max Kruse zeigen.
Auch das gehört zur Informationssuche. Ich wusste beispielsweise, dass Max Kruse in seinem Vertrag mit St. Pauli eine Ausstiegsklausel stehen hatte. Da lag der Schluss nahe, dass so etwas auch im Vertrag mit Freiburg stehen würde. Aber Sie können davon ausgehen, dass ich die Spieler nicht nach Ausstiegsklauseln aussuche – sie si

nd manchmal eine glückliche Fügung.
 
Spielt auch das Bauchgefühl bei Transfer-Entscheidungen eine Rolle?
Ja, schon auch. Ich weiß noch, wie Hans Meyer vor der Verpflichtung von Marco Reus mich gefragt hat: Max, meinst du nicht, dass 800.000 Euro für einen Zweitliga-Spieler, der gerade mal drei Tore geschossen hat, nicht ein bisschen viel Geld ist? Wenn ein Hans Meyer so etwas sagt, dann könnte man schon unsicher werden. Aber ich war von Marco total überzeugt. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass wir hier Potenzial kaufen würden, auch wenn 800.000 Euro damals für Gladbach wirklich sehr viel Geld waren.

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