Max Eberl über Erwartungen an die WM

»WM ist keine Fußballmesse«

Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl wird wahrscheinlich nicht zur WM fahren. Er glaubt nicht, dass nationale Stile noch eine Rolle spielen werden.

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Herr Eberl, haben Sie schon ein Visum für Russland?
Nein.

Werden Sie noch eins beantragen?
Nein. Stand heute werde ich nicht nach Russland zur Weltmeisterschaft reisen, wenn Sie darauf anspielen.

Kann man sich das als Manager eines ambitionierten Bundesligisten erlauben?
Warum nicht? Wenn wir erst bei der WM anfangen würden, Spieler zu scouten, hätten wir vorher Fehler gemacht. Vielleicht kann man bei der WM noch mal einen letzten Eindruck von einem Spieler gewinnen. Oder sein Netzwerk pflegen und vergrößern. Aber ich glaube nicht, dass bei einer Weltmeisterschaft noch ein völlig unbekannter Spieler auftaucht. Die Spieler, die für uns infrage kommen und die bei Nationen spielen, die wir uns leisten können, die kennen wir. Und ich bin davon überzeugt, dass das auch für meine Kollegen aus der Bundesliga gilt.

Wie sieht es bei Spielen wie Panama gegen Tunesien aus?
Selbst bei den vermeintlichen Exoten spielen die guten Spieler schon in Ligen, in denen wir scouten. Also werden wir auch diese Spieler kennen. Es kommt heutzutage nur noch höchst selten vor, dass ein Spieler bei einer WM wie aus dem Nichts auftaucht. Schon bei Juniorenturnieren, bei U-17-Europameisterschaften, Südamerikameisterschaften oder Afrikameisterschaften, sind alle Scouts vertreten. Man kennt die Jungs also.

Was ist mit jemandem wie James Rodriguez, der vor vier Jahren nach der WM von Real Madrid verpflichtet wurde?
Er ist ja ein gutes Beispiel für das, was ich gerade gesagt habe. James hat bei der WM in Brasilien Fantastisches geleistet, ist Torschützenkönig geworden, nach dem Turnier von einem der größten Klubs der Welt verpflichtet worden - und hat dann bei Real zwei oder drei Jahre lang keine allzu große Rolle gespielt. Genau das können wir uns eben nicht leisten. Wenn wir einen Transfer tätigen, muss der Spieler passen. Bei jemandem wie James, der sich bei der WM ins Rampenlicht spielt, reden wir über zehn Klubs weltweit, die ihn sich leisten können - und nicht über die 350 anderen, zu denen auch Borussia Mönchengladbach gehört.

Wann waren Sie zuletzt bei einem WM- oder EM-Spiel im Stadion?
2008, bei der EM in Österreich und der Schweiz. Natürlich sehe ich mir solche Spiele gerne an - aber nicht, weil ich hoffe, eine noch unentdeckte Perle zu finden. Entweder gibt es eine Situation, dass ich mir bei einem interessanten Spieler noch einmal ganz konkret etwas anschauen möchte. Oder ich will sehen, wie andere Nationen Fußball spielen, wie andere Trainer arbeiten. Aber ich betrachte es nicht als Pflicht, bei jedem großen Turnier auf der Tribüne zu sitzen.

Sind Sie 2014 vom DFB nicht zum Finale nach Rio eingeladen worden?
Doch, das war auch ein tolles Angebot. Aber - und das soll jetzt nicht arrogant klingen - ich habe mich einfach gefreut, mir das WM-Finale zu Hause mit Freunden anzuschauen. Das war auch sehr emotional.

Verfolgen Sie die WM eher wie ein Fan oder aus professionellem Interesse?
Wenn Deutschland spielt, bin ich Fan. Das ist klar. Bei anderen Ländern schaust du auch mal darauf, was die machen. Chile zum Beispiel war über viele Jahre ein sehr interessantes Projekt, weil man bei der Mannschaft eine andere Art des Fußballs gesehen hat. Chile hat ja die Dreierkette ein Stück weit rehabilitiert. Ich kann mich also nicht davon freisprechen, dass ich auch mal mit Kennerblick auf ein Spiel schaue und versuche, mir neue Inspirationen zu holen.