Max Cavalera über die WM-Proteste und Heavy Metal beim Fußball

»Sie schrien wie Berserker«

Max Cavalera ist einer der bekanntesten Musiker Brasiliens – mit seinen Bands Sepultura und Soulfly erlangte er internationale Berühmtheit. Vor WM-Start sprachen wir mit ihm über seine Liebe zu Palmeiras, die Proteste in seiner Heimat und WM-Lieder.

PROMO

Max Cavalera, Sie tun uns leid!
Mir geht’s doch gut. Kein Grund zur Sorge!
 
Ihr Booker scheint Sie aber nicht sonderlich gut zu kennen. Er hat die Europa-Tour Ihrer Band Soulfly mitten in die WM-Zeit gelegt.
Ich werde es überleben. Zur Not stellen wir einen Fernseher auf die Bühne oder in den Backstage-Raum. So haben wir es auch 2002 gemacht, als wir das WM-Finale Brasilien gegen Deutschland vor einem Konzert geguckt haben.
 
Es war vermutlich ein gelungenes Konzert.
Natürlich. Doch ich kann mich auch an gute Konzerte nach Niederlagen erinnern. Wir waren auch während der WM 2010 unterwegs und haben kurz vor einem Gig Brasiliens Viertelfinal-Aus gegen Holland gesehen. Es sah in unserem Backstage-Raum aus wie bei einer Beerdigung. Doch danach spielten wir alles in Grund und Boden. Die Show war ein gutes Ventil für den Frust. Es fühlte sich an wie Trauerbewältigung. 
 
Ist Heavy Metal Fußballmusik?
Absolut. Ich bin mir sicher, dass sich viele brasilianische Fußballer vor einem Spiel richtig harten Metal anhören.
 
Die deutschen Nationalspieler halten es eher mit Justin Bieber oder Kanye West.
Wirklich? Kann ich nicht verstehen. Neulich haben wir eine Show in Russland gespielt, und auf einmal tippt mir ein Junge mit Soulfly-Shirt auf die Schulter und stellt sich schüchtern vor. Er heiße William und habe mal in einer Jugendmannschaft von Palmeiras gespielt. Nun spiele er in der zweiten russischen Liga, beim FC Ufa. Ich war baff, denn es war so surreal: Ein Junge aus der Heimat, früher bei Palmeiras und jetzt bei meinem Konzert in Ufa, einer Stadt im Südwesten Russlands.
 
Aber können Sie sich wirklich vorstellen, dass Neymar Sepultura auf seinem iPod hört?
Wieso nicht? Kennen wir den Jungen den wirklich? Wussten Sie zum Beispiel, dass der ehemalige Palmeiras-Torwart Marcos und Juves Alessandro del Pierro große Metal-Fans sind?
 
Soulfly- oder Sepultura-Fans?
Da müssen sie meinen Bruder fragen, der ist gut mit beiden befreundet. Er hat mir auch das Trikot besorgt, das Marcos im WM-Finale 2002 gegen Deutschland getragen hat. Ich habe es später meinem Sohn Zyon gegeben. Es ist noch nie gewaschen worden, und an einigen Stellen sieht man noch die Schweißflecken und Dreckspuren.
 
Ihren Vater hätte das vermutlich sehr glücklich gemacht. Er soll großer Palmeiras-Fan gewesen sein.
Er hätte sich vermutlich noch mehr über die Freundschaft zu Alessandro del Pierro gefreut, denn mein Vater (Calvaleras Vater starb im Alter von 40 Jahren, d. Red.) war Italiener und glühender Juventus-Anhänger. Als er einst nach Brasilien kam, suchte er sich den Verein, zu dem die meisten italienischen Migranten gingen. Das war Palmeiras aus São Paulo. Er ging jeden Mittwoch und Samstag zu den Spielen, und als mein Bruder und ich alt genug waren, nahm er uns mit.
 
In den siebziger und achtziger Jahren waren die Corinthians allerdings der beliebtere Verein in São Paulo. Sind Sie nie fremdgegangen?
Ich habe Respekt vor dem Klub, vor Männern wie Sócrates oder Walter Casagrande, die versucht haben die »Democracia Corinthiana« zu etablieren und so gegen die Militärdiktatur und undemokratische Strukturen in der Gesellschaft und im Fußball zu protestierten. Doch heute stilisieren  die Fans die Corinthians immer noch zum Klub der Arbeiter und Armen. In Wahrheit kommen die Anhänger aus der reichen Mittelschicht. Es ist alles Attitüde. Wir nennen sie daher »Rich boys« und »Poser«.
 
Wie sah denn der Gegenentwurf Palmeiras aus?
Die Atmosphäre im Estádio Palestra Itália war rau und hart. Es war ein wenig so wie in England, Hooligan- und Hardcore-Style. Die Typen um mich herum sahen aus wie Schwerverbrecher. Manchmal kam ich mir auch vor wie auf einem Heavy-Metal-Konzert, die Männer waren voller Tattoos und Narben im Gesicht. Ich erinnere noch, wie einmal jemand schrie »Los jetzt!« und danach hunderte von diesen Tough guys in den Trophäenraum gerannt sind und alles abgefackelt haben. Sie waren so wütend, weil der Klub lange nichts mehr gewonnen hatte. Sie waren verrückt.
 
Aber es machte Eindruck auf den jungen Max Cavalera?
(Lacht) Die Gefahr und das Abenteuer zieht Jugendliche eben an. Wichtiger waren für mich aber die Musik und die Stimmung im Stadion. Die Männer schrien wie Berserker, sie trommelten 90 Minuten am Stück – und noch heute sind sie berühmt für ihren »mancha verde«, diesen grünen Nebel, den sie jedes Mal, wenn die Mannschaft das Spielfeld betritt, mit ihren Rauchfackeln erzeugen.
 
Klingt tatsächlich nach einem adäquaten Umfeld für den Start einer Heavy-Metal-Karriere.
Weil ich dort gut schreien konnte? Vielleicht. Doch vor allem hat dort mein Bruder Schlagzeugspielen gelernt (Igor Cavalera ist Schlagzeuger bei Sepultura, d. Red.). Eines Tages gab ihm einer der Älteren eine Snare-Drum in die Hand, und weil er sich gut anstellte, war er bald eine Art Fan-Maskottchen der Kurve. Er wurde der Junge mit der Trommel – und das ist er heute noch.
 
Haben Sie mal Fußballsongs aus Deutschland gehört?
Nein. Sind die gut?
 
Die meisten klingen nach Techno-Jahrmarktmusik.
(Lacht) Schicken Sie mal was rüber. Ich habe ja auch einen Fußballsong aufgenommen oder besser gesagt: ein Riff.
 
Tatsächlich?
Ein ESPN-Mitarbeiter ist großer Fan von Soulfly und Sepultura, und er fragte mich vor einigen Wochen, ob ich nicht eine Art Einspiel-Jingle für ihre WM-Sendung machen möchte. Ich sagte natürlich sofort zu. Einen Song für die WM beisteuern – das ist doch ein Traum eines jeden Fußballfans.
 
Eine Fußballsendung eröffnet nun mit einem Heavy-Metal-Riff?
Es ist ein Metal-Riff, aber mit brasilianischem Tribal-Einschlag und traditionellen Instrumenten wie Cuíca oder Berimbau. Mein Sohn Zyon spielt Percussions. Es ist sehr gut geworden, und ich überlege nun, es für einen neuen Soulfly-Song zu verwenden. Mal sehen, ob das rechtlich noch möglich ist. (lacht)
 
Sie können sich demnach mit der WM in Ihrer Heimat identifizieren?
Ich hoffe, dass Brasilien trotz aller Schwierigkeiten eine gute WM austragen wird.
 
Das klingt sehr milde. Nach aktuellen Umfragen sollen nur noch 40 Prozent der Brasilianer für diese WM sein. Wie ist es bei Ihnen?
Ich wünsche mir einfach eine WM, die die Menschen glücklich macht und zusammenbringt. Ich hoffe, die Welt bekommt ein gutes Bild von meinem Heimatland.
 
In dem Sepultura-Song »Refuse/Resist« singen Sie: »Silence means death, stand on your feet.« Wir hätten Sie rebellischer eingeschätzt.
Ich kann die Menschen verstehen, die seit dem letztjährigen Confed-Cup auf die Straßen gehen. Denn mit dieser WM kam auch viel Schlechtes ins Land. Die Fifa hat viele hirnrissige Forderungen aufgestellt. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Regierungen eines Austragungslandes die Kosten indirekt auf die Bevölkerung umleiten. Von vornherein hätte man sich in Südafrika und nun auch in Brasilien fragen müssen, warum man in diesen Ländern eine WM auf europäischem Standard organisieren muss.
 
Sie haben keine Antwort?
Für mich, der seit vielen Jahren in den USA lebt, ist es schwierig zu beantworten. Natürlich geht es ums Geld. Die Sache ist nur: Die Bevölkerung leidet darunter, denn Brasilien ist immer noch ein Land mit zahlreichen Drittwelt-Problemen. Da ist es nur logisch, dass bereits eine Erhöhung der Bustickets für Proteste sorgt. Andererseits kann ich bei gewissen Punkten auch die Funktionäre verstehen, die Sorge haben, dass eine Stadt wie Rio de Janeiro für ein internationales Publikum zu unsicher ist. Was wäre es für ein schreckliches Szenario, wenn ein WM-Tourist ermordet wird? Trotzdem rechtfertigt das natürlich nicht das brutale Vorgehen der der angeblichen Friedenspolizei UPP (Unidade de Polícia Pacificadora, d. Red.), die in die Favelas hineinmarschiert und dort Menschen rauszieht, verprügelt oder sogar erschießt. 
 
Die aktuellen WM-Proteste richten sich auch gegen die Vertreibung von indigenen Stämmen und Bevölkerungsgruppen. Wie aktuell ist das Problem?
Es ist nach wie vor vorhanden. Es gibt immer noch Gegenden in Brasilien, wo Weiße nicht verstehen wollen, dass die indigenen Menschen nicht Teil ihrer Welt sein möchten. Für sie ist es unverständlich, dass diese Stämme mit ihren Traditionen alleine gelassen werden wollen, dass sie im kapitalistischen System verloren wären, dass sie lieber sterben, als ihr Land und ihre Kultur aufzugeben.
 
Neulich wurde in den Medien von einer Frau berichtet, die drohte sich anzuzünden, wenn man ihr Haus räumen würde.
Eine traurige Geschichte, die aber nicht neu ist und bei vielen Indios Alltag ist. Ich habe 1993 einen Song über die »Kaiowas« geschrieben. Von diesem Indio-Stamm hatte ich kurz zuvor einen Zeitungsartikel gelesen. Daneben waren Fotos zu sehen: Kinder hingen von Bäumen, Männer und Frauen lagen auf den Feldern. Alle tot. Sie hatten die aussichtslosen Kämpfe gegen die weißen Farmer durch einen Massen-Suizid beendet.
 
Ein anderer Kritikpunkt sind die immensen Kosten, die durch Renovierungen oder den Neubau der Stadien entstanden ist. Alleine der Umbau des Maracanã kostete 100 Millionen Euro mehr als der komplette Neubau der Münchener Allianz Arena. Wahnsinn, oder?
Es ist auch Wahnsinn, ein Stadion mitten im Dschungel zu bauen, denn in Manaus gibt es keine großen Klub-Mannschaften. Die Folge wird dieselbe sein wie in Südafrika: Viele Stadien werden nach der WM leer stehen und immense Kosten verursachen. Andererseits finde ich es toll, dass die Welt so vielleicht ein bisschen was von der Schönheit das Amazonasgebiets erfährt. Manaus ist nämlich wunderschön.
 
Wie finden Sie das neue Maracanã?
Ich kann nur vom alten sprechen, denn dort habe ich 1991 mit Sepultura bei »Rock in Rio« gespielt. 195.000 Zuschauer kamen damals. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es ist für mich eine heilige Stätte, wie für andere die Hagia Sophia in Istanbul oder der Vatikan.
 
Sie wissen aber, dass das neue Maracanã sich kaum noch von Multifunktionsarenen in den USA oder Europa unterscheidet? 
Das ist natürlich schade, denn das Stadion wurde einst für das Volk gebaut. Es gab keine VIP-Plätze, keine Extras, alle Menschen sollten gleich sein. Heute ist das Stadion natürlich anders, moderner. Eine besondere und heilige Stätte bleibt es für mich dennoch. Schon wegen der Erinnerungen. Wegen großen Momenten, dem tausendsten Tor von Pelé. Aber auch wegen tragischen Momenten wie bei der WM 1950, als Brasilien den Titel an Uruguay verlor.
 
Glauben Sie, dass es während der WM weitere Proteste geben wird?
Das hängt sehr mit dem Abschneiden der brasilianischen Mannschaft zusammen. Wenn wir gut spielen, kann die Mannschaft eine Euphorie entfachen, die alle Sorgen und Probleme verdrängt. Wird sie aber früh ausscheiden, gibt es Riots – und zwar die größten Riots, die das Land je gesehen hat.
 
Also müssen wir Ihrer Meinung nach keine Sorge haben?
Richtig, denn Brasilien wird das Turnier gewinnen und Neymar groß aufspielen. (Lacht) Das hoffe ich zumindest.