Martin Schmidt über Che Guevara und Mainz

»Dann höre ich auf«

Dort schlugen Sie Mainz 05, in jenem Jahr deutscher A-Jugend-Meister. Von diesem Finale gibt es noch ein Plakat. (Springt auf, läuft aus dem Raum und kommt mit einem Plakat wieder.) Das hat einer meiner Spieler von damals vor kurzem auf Facebook gestellt. Hier sieht man, dass ich damals noch »FC Mainz« geschrieben habe und dazu: »37 Millionen Budget plus Buschauffeur.« Darüber malte ich deren riesigen Bus. Bei uns, also dem FC Thun, habe ich geschrieben: »3,7 Millionen Budget, Chauffeur: Mosi.«

Wer war Mosi?
Der Moser David, unser U19-Torwart, er hat damals den Bus gefahren. Schauen Sie hier, ich habe damals mit 3-5-2-System gespielt.(Lacht.) Wie gegen die Bayern.

Also haben Sie die Bayern mit der Taktik von diesem Jugendturnier geschlagen?
Das natürlich nicht, das wäre auch zu einfach gedacht. Das Spielniveau ist ein anderes, der Fußball hat sich verändert, mein Spielermaterial natürlich und auch mein Wissen. Es ist nicht vergleichbar. Wir hatten im Trainerteam vor dem Bayern-Spiel über diese taktische Variante gesprochen, die man aus der Bundesliga schon kennt und die beispielsweise Juventus Turin auch schon jahrelang so spielt. Aber für uns war es eben eine neue Herangehensweise. Und dann ist mir das Plakat von 2009 wieder eingefallen, das war aber nicht mehr als eine lustige Anekdote.

Den Mainzer Trainer Thomas Tuchel haben Sie damals so beeindruckt, dass er Sie später zum FSV holte.
Daran merkt man, wie der Fußball und das Leben von Zufällen bestimmt werden. Damals waren wir beide Jugendtrainer. Einen Monat später wurde Thomas Bundesligatrainer und erinnerte sich irgendwann an mich. Das ist schon verrückt, wie unsere Welten wieder zusammenkamen. Sieben Jahre nach diesem Turnier stehen wir uns beide gegenüber beim Spiel in Dortmund, nicht im Pokal, nicht in der Regionalliga, sondern in der Bundesliga, vor 80 000 Zuschauern – und dann spielt der Zweite gegen den Fünften. Thomas hat schon sehr viel richtig gemacht, die Dortmunder haben eine tolle Mannschaft. Aber bei uns ist es auch nicht schlecht gelaufen.

Wie erklären Sie sich diesen Mainzer Aufschwung? Es heißt, für Ihr Team sei Laufen die Basis ...
... nicht nur das, sondern die Leistung. Und das schon im Training. Wer da nicht mitzieht, hat es sehr schwer bei uns. Wir haben uns im Sommer als Ziel gesetzt, das laufstärkste Team der Bundesliga zu werden – das verdient Opfer. Die Spieler müssen von ihrer Mentalität her zu diesem Stil passen. Wir haben außerdem den Grundgedanken des laufintensiven Spiels und des Umschaltverhaltens in viele Übungsformen im Training eingebaut.

Wie schaffen Sie es, dass die Spieler bereit sind für diesen hohen Aufwand?
Die Spieler müssen sowieso die intrinsische Motivation haben zu laufen. Danach scouten wir sie. Wenn wir vom typischen Mainz-05-Spieler sprechen, dann von einem, der gerne läuft, gerne sprintet. Mittlerweile haben wir viele Spieler dieses Typus reingebracht, unser Team also auch danach ausgerichtet. Bei anderen Trainern, die mehr auf Ballbesitz bauen, besteht das Team eher aus feinen Technikern. So ist es, jeder Trainer formt sein Team nach seiner Philosophie.

Wie sieht Ihr persönlicher Plan aus? 05-Trainer sind schließlich in Dortmund gefragt.
Ich kann das nicht beantworten. Ich weiß nur, dass ich in meiner Laufbahn bisher immer nur Rot-Weiß getragen habe. Beim FC Naters, beim FC Raron, in Thun, bei Mainz. Ich kann mir keine anderen Farben vorstellen.

Sie sagten, dass Sie einen Job nicht länger als zwanzig Jahre machen können. Auch Fußball nicht?
Je länger ich von zu Hause weg bin, umso mehr vermisse ich meine Familie, die Menschen, die Berge, das Skifahren. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren einen Tag gibt, an dem ich sage: »So, das war jetzt Fußball. Ich gehe wieder heim.« Davon bin ich zu einhundert Prozent überzeugt.

Selbst wenn Ihr Team im Europapokal spielt?
Selbst dann. Sobald ich merke, dass bei mir an einem Punkt die Leidenschaft nachlässt, dann muss ich die Finger davon lassen. Wenn ich nicht zu einhundert Prozent drin bin, kann ich die Leute nicht anstecken, dann habe ich keinen Erfolg – und Misserfolg will ich nicht. Wenn mein Team irgendwann nicht mehr leidenschaftlich auftreten sollte, muss ich mir eingestehen, dass ich meine Arbeit nicht gut mache. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich sage: »Gut, Fußball habe ich gesehen, jetzt beginnt was Neues.«

Sie könnten die Leidenschaft auch drosseln.
Dann wäre ich nicht mehr Martin Schmidt. Dann wird es nicht gut.