Martin Schmidt über Che Guevara und Mainz

»In meiner Werkstatt war alles sauber«

Spieler Ihres ersten Vereins in der Schweiz berichten, dass Sie für das Team Shirts mit dem Konterfei von Che Guevara drucken ließen.
Wir waren viele wilde Kerle, wir wollten nach oben. Dann kam mir dieser Spruch von Che Guevara in den Sinn: »Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!« Ich erzählte den Spielern von seiner Invasion auf Kuba, wie er mit nur 80 Leuten gelandet ist, sich durchs ganze Land kämpfte, bis zur Hauptstadt. Aber es ging nur um das Zitat und die Person, nicht um politische Zusammenhänge. Das Wichtigste ist, bei den Menschen Bilder im Kopf auszulösen. Das mache ich noch heute so.

Welche Bilder nutzen Sie in Mainz?
Schauen Sie sich an, was wir im Winter gemacht haben: Ein Teamevent fand im Gebirge statt, umrahmt von vielen Viertausendern. Wir zelteten bei minus zehn Grad im Schnee. Mir ging es darum, dass die Spieler Grenzen überwinden, klar. Aber das Wichtigste: Wir wollten Bilder schaffen. Bilder, die wir jetzt immer wieder zur Motivation einsetzen, die für den Teamspirit zuträglich sind. Unsere Zeltstadt auf 2500 Metern hängt jetzt seit dem Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen als großes Foto in der Spielerkabine in der Coface Arena, an dem wir alle auf dem Weg auf den Platz vorbeigehen.

Wie reagieren die Spieler darauf?
Die meisten frieren direkt beim Anblick. Andere sagen nur: »Mann, war das geil.« Vielleicht wird der eine irgendwann zehn Millionen verdienen, der andere nicht, aber diese Nächte auf dem Berg werden sie alle nie vergessen. Bilder bringen ein Gefühl, eine Emotion, das prägt sich ein. Als ich in den Neunzigern meine Autowerkstatt führte, achtete ich auch darauf, dass alles sauber aussieht, wie in einem Wohnzimmer. Der Boden war weiß, die Wände gelb, da hingen Poster von schönen Autos. Die Kunden sollten direkt sehen, dass sauber gearbeitet wird.

Sie führten jene Tuning-Werkstatt zehn Jahre, dann schlossen Sie sie von einem Tag auf den anderen. Warum?
Ich bin nicht der Typ, der 50 Jahre den gleichen Job macht. Spätestens alle zwanzig Jahre kommt etwas anderes. Ich hatte damals alle wichtigen Automagazine abonniert. Nach einer Zeit blieben sie verpackt, ich rührte keines mehr an und bestellte sie nach und nach ab. Schließlich merkte ich zu dieser Zeit, dass ich gerne mit Menschen arbeite, wie ich sie motivieren kann. Ich organisierte damals mit meinen Kumpels nebenbei viele Events, Skirennen und Partys. Das machte mir mehr Spaß. Dann kam die Idee, ein Bekleidungsgeschäft zu eröffnen.

Auch ein ungewöhnlicher Schritt für einen späteren Trainer.
Doch meine Motivation blieb dieselbe: Geht nicht gibt es nicht. Egal, ob die Kunden ein eigenwillig getuntes Auto haben wollten in meiner Werkstatt oder eben ein außergewöhnliches Bekleidungskonzept für ihre Firma. Jemand wollte mal blaue Firmenkleider mit einer gelben Tasche und aufwendigen Stickereien. So was gab es nicht im Einkauf. Da haben wir eine Stickerei eröffnet und die Kleidung selbst designed und anfertigen lassen.

Sie waren gleichzeitig Designer, Verkäufer und Trainer in der zweiten Schweizer Liga?
Ja, das lief parallel. Vorher musste ich immer direkt von der Werkstatt zum Training beim FC Raron hetzen. In meinem Geschäft hat ab 15 Uhr meine Schwester übernommen und ich konnte mich mehr auf die Übungen konzentrieren. Das ist gewachsen bis zum Jahr 2010, als ich begann, mich zu hundert Prozent auf Fußball zu konzentrieren.

Ein Jugendturnier in Ergenzingen soll der Start Ihrer Karriere gewesen sein. Stimmt das?
Kann man so sagen. Ich war damals Trainer beim FC Thun, das ist ein kleiner Verein. Zu diesem Turnier sind wir mit einem Sechssitzer-Kleinbus und dem Zug angereist. Vor Ort sahen wir die riesigen Busse von Mainz und Stuttgart, und haben unser Büschen vor Scham irgendwo am Rand abgestellt. Doch auf dem Feld lief es überragend. Wir blieben bis zum Finale ohne Gegentor.