Martin Schmidt über Che Guevara und Mainz

»Du musst auch mal einen Schritt zu weit gehen«

Martin Schmidt fuhr steile Abhänge hinab, hatte sieben Kreuzbandrisse und schraubte an Autos. Als Trainer geht er übers Limit – und denkt doch schon ans Ende seines Jobs.

imago
Heft: #
174

Martin Schmidt, wie war das Frühstück?
Sehr gut. Es war alles da, frische Brötchen, Käse, Schinken, Eier, Säfte. Es wurde Zeitung gelesen, viel geredet und geflachst.

Sie haben veranlasst, dass Mannschaft, Trainer- und Funktionsteam immer zusammen frühstücken und Mittag essen.
Richtig, wobei ich sagen muss, dass Thomas Tuchel das mit dem Frühstück schon eingeführt hat. Drei Mann sind pro Woche immer für das Einkaufen zuständig. In der vergangenen Woche war ich dran, zusammen mit den Spielern Emil Berggreen und Loris Karius. Wir gehen in den Supermarkt und kontrollieren auch ständig, ob noch genug im Kühlschrank ist. Abends schreiben wir uns dann über Whatsapp. »Denkst du an Käse, an Milch?« So bist du nicht Trainer, sondern auch Einkaufspartner.

Warum ist Ihnen das gemeinsame Essen wichtig?
Das ist für mich Leben. Bei mir zu Hause kam die Familie immer um 12 Uhr zum Mittag zusammen, ganz egal, wie weit weg ein jeder wohnt oder arbeitet. So soll es hier auch sein. Zum einen geht es um die Gemeinschaft: Wir starten zusammen um halb neun in den Tag und haben einen anderen Umgang miteinander als auf dem Platz. Ein Jhon Cordoba aus Kolumbien ist mit Pierre Bengtsson aus Schweden unterwegs, sie lernen sich untereinander und die Kultur ihrer Heimatländer kennen. Zum anderen lernen die Spieler so auch mehr über die bewusste Ernährung eines Profis, als wenn ihnen das ein Ernährungsprofessor an der Tafel erklärt.

Die Spieler sollen beim Essen also lernen?
Ja, wir vermitteln ihnen damit ja auch, welcher Hersteller gut ist, welche Nahrung gesund. Man kann diese Momente auch nutzen, um die Mentalität eines Teams zu entwickeln und auf die Egos einzuwirken. Der eine Spieler sagt mal zum anderen: »Ey, warum isst du jetzt zwei Steaks? Dein Kollege ist noch bei der Behandlung, der will auch noch etwas essen.« Das ist das gleiche Regulativ wie auf dem Platz, wenn jemand seinem Kollegen zuruft: »Junge, spiel den Ball ab, denk nicht nur an dich.«

Wie ist beim Essen der Umgang mit dem Trainer?
Viel entspannter als üblich. Man kann auch einmal ein bisschen rumflachsen. Mir sagt ein Spieler beim Mittag: »Hey Coach, eben im Trainingsspiel, das war klares Abseits.« Und ich antworte: »Nein, komm mit hoch, wir schauen es uns an.« Schließlich zeichnen wir jedes Training auf Video auf.

Sie erheben zudem von jeder Übungseinheit Daten und werten diese in Tabellen aus. Sie achten auf bewusste Ernährung und führen haarklein Statistiken. Ansonsten wirken Sie als Typ eher emotional als rational.
Das sind zwei verschiedene Eigenschaften von mir. Aber da bin ich ja nicht allein, mein Trainerteam ist genauso tief drin. Ernährung und gute Vorbereitung sind wichtig, aber trotzdem gehe ich im Wettkampf ans Limit und darüber hinaus. Ich kann mich noch an die ersten beiden Kreuzbandrisse erinnern ...

... Sie hatten insgesamt sieben.
Richtig. Beim ersten kam ich schnell wieder zurück, dann folgte der zweite und ich sagte mir: »Ihr kriegt mich nicht unter.« Wieder kehrte ich zügig auf den Fußballplatz zurück. Dann habe ich es beim Skifahren übertrieben, später beim Downhill-Biken, dann wieder beim Fußball.

Sie nahmen nebenbei an Extremskirennen teil, fuhren trotz gebrochenem Halswirbel. Waren diese Rennen jemals lebensgefährlich?
Nein. Für Außenstehende mag es halsbrecherisch gewesen sein, für uns nicht. Wir waren schließlich darauf trainiert. Jeder Gleitschirmflieger riskiert mehr, als wir es damals getan haben.

Wann sind Sie zuletzt übers Limit gegangen?
(Lacht und schweigt zunächst.) Das darf ich hier jetzt nicht sagen. Generell aber hat mich die Vorbildfunktion schon verändert. Ich bin jetzt Bundesligatrainer, ich kann nicht mehr bei Rot über die Ampel gehen, wenn kleine Kinder in der Nähe stehen.

Hat der Job Sie gebremst oder Ihr Umfeld?
Diese Erfahrungen muss man selbst machen. Meine Eltern und Geschwister haben immer auf mich eingeredet, doch ich habe mir früher nie was sagen lassen. Ich wollte immer die Grenzen ausloten, immer der Mutigste sein. Wenn du das nicht tust, bist du irgendwann 50 und sagst: »Ich habe nie etwas richtig riskiert.« Du musst als Mensch, vor allem als Sportler, manchmal auch einen Schritt zu weit gehen. Sonst kennst du die Grenzen nicht und verpasst die schönsten Dinge.