Martin Harnik über 96 und China

»Auf die Nationalmannschaft nehme ich keine Rücksicht«

Woran erkennen Sie einen Schlafenden Riesen?
Neben viel Tradition und einer super Fankultur bekommt man vor allem eine Aufmerksamkeit und ein Potenzial in der Stadt mit, die ihresgleichen suchen in Deutschland. Die Saisoneröffnung, bei der uns fast 20.000 Fans empfingen, war wirklich beeindruckend. Das wohlgemerkt nach einem Abstieg. Wenn ich durch die Stadt gehe, fallen mir immer die vielen Fahnen und Banner auf, die das Stadtbild sehr prägen. Auf der Straße habe ich das Gefühl, dass jedes zweite Auto mit 96-Aufkleber unterwegs ist. Das erfährt aber man nur, wenn man in Hannover lebt oder bei 96 spielt, das habe ich auch Martin Kind in unserem ersten Gespräch gesagt. Dieses Potenzial, die Perspektiven des direkten Wiederaufstiegs und die gesunde Situation des Vereins trotz des Abstiegs haben mich letztlich überzeugt. Hinzu kommt, dass ich in Norddeutschland geboren wurde. Ich bin gebürtiger Hamburger, habe dort meine Familie. Meine Freunde und meine Frau kommen aus dem Norden. Die Heimatnähe war dann die Kirsche auf der Sahne.

In der laufenden Saison zogen Sie sich zunächst einen Muskelfaserriss zu und mussten nun die beiden Länderspiele gegen Wales und Serbien wegen Wadenproblemen absagen. Wann ist wieder mit Ihnen zu rechnen?
Wadenprobleme sind immer ein schwieriges Thema, weil man nie so richtig weiß, ob es komplett verheilt ist oder nicht. Deswegen ist im Augenblick die Marschroute ganz klar »Safety First«. Ich taste mich diese Woche von Tag zu Tag heran, steigere die Belastungen und schau dann, ob es fürs Wochenende reicht.

Acht Spieltage sind gespielt. Nur zwei Mal standen Sie in der Startelf. Müssen Sie sich persönlich einen Fehlstart eingestehen?
Den gesundheitlichen Umständen entsprechend würde ich sogar sagen, dass ich eher zufrieden sein kann. Ich bin mit einem riesigen Trainingsrückstand eingestiegen und wurde dann immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Deshalb bin ich zufrieden mit dem Saisonstart. Ich helfe der Mannschaft, wo ich nur kann und das auch gerne von der Bank aus. Die Breite des Kaders wird am Ende den Unterschied ausmachen. Das zeigt die Qualität bei unseren Wechseln. Mein Anspruch ist aber natürlich, so oft wie möglich von Beginn an zu spielen.

Wie sieht Ihre Rolle in der Nationalmannschaft aus? Läuft die Uhr für einen Profi nach einem Wechsel von der ersten in die zweite Liga nicht zwangsläufig ab?
Nein. Und darauf nehme ich auch keine Rücksicht. Die Nationalelf ist für mich ein Bonus für die Arbeit im Alltag. Und wenn ich meine Arbeit gut mache – auch in der zweiten Liga – werde ich auch vom Teamchef berücksichtigt. Wenn dem nicht so wäre, hätte man mich ja nicht für die WM-Qualifikation berufen. Umgekehrt hatten wir letztes Jahr unter anderem mit Stefan Ilsanker und Marcel Sabitzer auch Zweitligaspieler, die fester Bestandteil des Kaders waren.

Sie sind seit 2007 für die Nationalelf im Einsatz und absolvierten 61 Länderspiele. Vor der EM in Frankreich galt Österreich als Geheimfavorit. Sah das auch die Mannschaft so?
Wir haben uns öffentlich und intern immer dagegen gewehrt.  Nach der überragenden Qualifikation (neun Siege, ein Remis; Anm. d. Red.) gab es keinen Grund, sich kleinzureden, trotzdem sind wir da realistisch geblieben. Die meisten von uns hatten bis dato kaum Turnier-Erfahrung und wir wussten, dass es in Frankreich auch auf die Tagesform ankommen würde. Mit Portugal und Island trafen wir zudem auf zwei Gruppengegner, die eine ähnlich gute Qualifikation gespielt hatten. Auch deshalb war es so, dass wir vor dem Auftaktspiel gegen Ungarn, dem vermeintlich schwächsten Gegner der Gruppe, in den Köpfen hatten: Dieses Spiel müssen wir unbedingt gewinnen! Ich glaube, das hat uns total gehemmt und verkrampfen lassen. Die Niederlage gegen Ungarn war dann wie ein Genickbruch.

In der aktuellen Qualifikation für die WM in Russland steht Österreich nach drei Spieltagen mit vier Punkten da. Jüngste Ergebnisse waren ein 2:2 gegen Wales und eine 3:2-Niederlage in Serbien. Wo steht die Mannschaft jetzt?
Wales und Serbien zähle ich mit zu den Gruppenfavoriten. Die Spiele konnte ich leider nicht live verfolgen, weil ich hier kein ORF empfange. Ich saß da in Hannover und habe erfolglos versucht zu streamen – womit ich mir wahrscheinlich höchstens einen Virus eingefangen habe. Der Punkt gegen Wales ist grundsätzlich ok – auch wenn man zu Hause natürlich gewinnen will. Gegen Serbien haben wir dann wirklich unglücklich verloren. Nach jedem Ausgleichtreffer postwendend wieder in Rückstand zu geraten, das war bitter. Das war definitiv ein Rückschlag, wir haben aber jetzt auch die Möglichkeit, die Punkte wieder gutzumachen.

Streamen Sie auch andere Sportarten außer Fußball, oder ist die Virengefahr einfach zu hoch?
Nein, ich bin kein Sportfanatiker. Selbst Fußballspiele schau ich mir selten in voller Länge an, nur hin und wieder mal Zusammenfassungen und Highlights.

Herr Harnik, wo steht Hannover 96 am 34. Spieltag und wo sind Sie in zehn Jahren?
Hannover 96 steht auf einem Aufstiegsplatz. Und ich werde...puuh. Ich werde im Wohnzimmer sitzen, Sky gucken, meine drei Hunde füttern und meinen vier Kindern beim Spielen zuschauen.