Martin Harnik über 96 und China

»Wir flogen durch dichten Smog«

Nachdem Sie den VfB verließen, meldete sich dann Felix Magath aus China am Telefon. Wie kam der Kontakt mit Shandong Luneng zu Stande und wie liefen die Verhandlungen?
Felix Magath war die treibende Kraft. Er wollte mich bereits vor einigen Jahren nach Schalke holen und hat mich im Grunde genommen nie wirklich aus den Augen verloren. Zudem steckte sein Team im Abstiegskampf und er suchte schnell nach Lösungen, weil das Transferfenster in China nur noch für kurze Zeit offen war. Dann ging alles sehr schnell. Ich bin dann mit meinem Berater hingeflogen. Es wäre einfach verantwortungslos gewesen, so ein lukratives Angebot aus der Ferne abzulehnen. Vor Ort kam ich aber schnell zu dem Entschluss, dass ich mir dort kein Leben mit meiner Familie vorstellen kann.

Woran haben Sie das konkret festgemacht?
In erster Linie an der Luftverschmutzung. Als das Flugzeug in Jinan zum Landeanflug ansetzte, flogen wir durch dichten Smog hindurch. Es war der erste Eindruck der Stadt, und der hat mich definitiv beunruhigt. Dabei waren wir im Sommer dort, im Winter soll es noch viel schlimmer sein, weil drei Millionen Einwohner die Heizung aufdrehen. Zudem habe ich mitbekommen, dass Jinan die Liste mit den schlechtesten Smog-Werten der Nachbarstädte rund um Peking sogar anführt. Ich möchte mit meiner Tochter draußen spielen und mich nicht einem goldenen Palast verstecken. Hinzu kamen die Hektik auf den Straßen und der viele Lärm.

China verfolgt das Ziel, im Fußball auf lange Sicht ganz oben zu stehen. Wie waren Ihre Eindrücke vor Ort? 
Ich war natürlich nur eine sehr kurze Zeit vor Ort und konnte nur ein paar Einblicke sammeln. Das Trainingszentrum zum Beispiel war absolut weltklasse. So etwas sucht in Deutschland definitiv seinesgleichen. Ich weiß nicht, ob Bayern München da rankommt. Die haben zum Beispiel einen Kraftraum so groß wie ein Fußballfeld, jedes Gerät gibt es dort gefühlt zehn Mal. Das ist zwar übertrieben, aber so ist China. Allen Verantwortlichen ist bewusst, dass sie ihr Ziel nur über Geld erreichen können. Daher werden auch hohe Spielergehälter als normal angesehen.

Trotzdem schlugen Sie das Angebot aus. Für Fans klingt das in Zeiten des Transfer-Wahnsinns fast zu romantisch, um wahr zu sein. Sind Sie das – ein Fußballromantiker, der daran glaubt, dass Geld nicht alles ist?
Ich will mich nicht darstellen als jemand, der ich nicht bin. Ich wäre nicht nach China geflogen, wenn Geld für mich gar keine Rolle spielen würde. Dann hätte ich sofort abgelehnt, weil ich schon sehr genau wusste, dass ich mich in Deutschland wohler fühlen würde als in China. Trotzdem war für mich dann vor Ort klar: Das passt nicht zu mir und meiner Familie. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie mir doppelt so viel Geld angeboten hätten. Aber als Fußballromantiker möchte ich mich nicht darstellen.

Zur aktuellen Saison wechselten Sie zu Hannover 96. Was hat Hannover, was der VfB nicht mehr hatte?
Ich bin ja nicht von Hannover weggekauft worden. Mein Vertrag beim VfB lief aus und in Stuttgart fand ein großer Umbruch statt. Zu diesem Umbruch zählte ich sicherlich dazu und ich selber habe auch gemerkt, dass sich etwas verändern muss. Das heißt absolut nicht, dass ich mich in Stuttgart nicht mehr wohlgefühlt habe. Nach sechs Jahren VfB hatte ich einfach das Gefühl, dass es Zeit für etwas Neues ist. Letzten Endes hat das mit Hannover sehr gut geklappt.

Martin Bader sagte nach der Bekanntgabe ihrer Verpflichtung: »Wir haben schnell gemerkt, dass er begeistert von unseren Ideen ist«.  Welche Ideen waren das und – sind sie es immer noch?
Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich mich bis zum Anruf nie intensiv mit Hannover 96 auseinandergesetzt hatte. Dann habe ich aber schnell festgestellt, dass der Klub und auch die Stadt Hannover total unter Wert verkauft und als etwas farblos dargestellt werden. Jetzt habe ich den Verein, die Infrastruktur und die Stadt kennengelernt und dabei gemerkt: das ist ein Schlafender Riese.