Mario Gomez über sein Buhmann-Image und Versagensängste

»Für mich ist es kein Kampf mehr«

Jahrelang hat der Fehlschuss bei der EM 2008 gegen Österreich an Mario Gomez genagt. Ein Gespräch über die Angst vor dem Tor, schmerzhafte Pfiffe und Planlosigkeit.

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Mario Gomez, von Ihnen ist zu hören, dass Sie während der WM 2014 ein großer Fan der deutschen Mannschaft gewesen sind. Wie können wir uns das vorstellen?
Ich habe mir die Spiele angeschaut, gestaunt, teilweise habe ich auch mitgefiebert, wie gegen Algerien. Und dann saß ich wieder vor dem Fernseher und konnte nicht fassen, was ich sah: Das Spiel gegen Brasilien...

...das sagenhafte 7:1 im Halbfinale. Sie wären vermutlich gern dabei gewesen, waren aber gar nicht erst nominiert worden. Und Sie jubelten trotzdem?
Ich hatte ja ein Weilchen, um das zu verdauen. Sehen Sie, mit meinem Wechsel damals vom FC Bayern nach Florenz waren andere Wünsche und Vorstellungen verknüpft. Daraus ist leider nichts geworden. In der Saison vor der WM war ich sieben von neun Monaten verletzt. Mir war also klar, dass es für mich nicht reichen würde für Brasilien. Deswegen konnte ich mich schon eine Weile darauf vorbereiten. Also war es während des Turniers nicht mehr ganz so hart.

Das glauben wir Ihnen nicht.
Wenn man sieht, wie erfolgreich die Mannschaft spielt, wenn man die Stimmung mitbekommt, dann fühlt man auch Schmerz. Aber letztlich war es genau so, wie ich es gesagt habe. Viele Spiele haben begeistert, und ich saß da und habe mich für die Jungs gefreut. Für den Philipp Lahm, für den Bastian Schweinsteiger, also speziell für die, die lange dabei sind und all die Jahre hören mussten, dass sie nie etwas holen würden, dass es nie für den letzten Schritt reicht. Dieses Gerede war völlig absurd. Die Spieler waren noch jung. Und jetzt nehmen Sie nur den Toni Kroos, er ist der einzige deutsche Spieler, der mit zwei verschiedenen Vereinen die Champions League gewonnen hat. Und dieser Generation soll der letzte Schritt gefehlt haben? Ich weiß nicht.

Auch Sie standen oft im Zentrum der Kritik.
Ja, und es reichte eine vergebene Großchance...

... im letzten Gruppenspiel der EM 2008 gegen Österreich.
Das war schwer zu verarbeiten für mich damals mit Anfang 20. Ich glaube sogar, dass mich dieses Missgeschick eine gute Zeit in der Nationalmannschaft gekostet hat.

Lange her und vorbei!
So denke ich heute. Damals hatte ich das Gefühl, dass die Diskussion vom fehlenden Schritt so ungerecht war wie die um einzelne Personen wie mich. Wissen Sie, wie schön es war, dass diese Jungs so eine WM wie in Brasilien gespielt haben? Deswegen war und bin ich Fan.

Jetzt sind Sie wieder dabei. Offenbar haben Sie in Ihrem Denken eine neue Distanz zu dieser Diskussion hergestellt. Wann hat es bei Ihnen klick gemacht?
Ich glaube, das ist keine Sache von Momenten, sondern von Alter und Erfahrungen. Gerade meine Erfahrungen in Florenz waren nicht die positivsten. Die negativen Erfahrungen rücken den Stellenwert dann wieder ins richtige Licht.

Welchen Stellenwert?
Den des Fußballs, also was der Fußball für einen persönlich bedeutet. Irgendwann war ich in der Lage, die Dinge besser einzuschätzen und damit auch wieder zu genießen. Ich war irgendwann in einer Situation, in der ich mir gesagt habe: Okay, die letzten beiden Jahre waren sportlich so schwer für mich, ich muss da gedanklich raus.

Sie wechselten vor einem Jahr zu Besiktas Istanbul und hielten den Fußball gedanklich und emotional auf Abstand. Verstehen wir Sie richtig?
Ja, das kommt dem nahe. Ich bin nach Istanbul gewechselt mit der Absicht, einen anderen Anlauf zu unternehmen, auch ganz klar mit dem Ziel, mich wieder in Form zu bringen und bei die EM 2016 zu spielen. Jetzt, wo es wieder läuft, wo ich wieder das Gefühl, die Power und das Vertrauen bekommen habe, kann ich den Fußball genießen. Ich genieße den Fußball wie noch nie in meiner Karriere. Gerade weil ich eben weiß, wie es ist, wenn man keinen Erfolg hat, wenn einen das Gefühl verlässt, das Vertrauen und die Power.

Und die Lockerheit...
Lockerheit kommt immer dann, wenn du erfolgreich bist. Wenn’s läuft, wenn deine Mannschaft gewinnt, wenn du eine gute Zeit hast, dann kannst du frei aufspielen. In dieser Saison konnte ich das, weil ich relativ früh gespürt habe, so im September, es geht wieder in die richtige Richtung. Ich spürte, ich komme wieder dahin, die Bälle kommen wieder zu mir. Also ich bin wieder da, wo der Ball hingeht.