Marc-André ter Stegen über Barcelona und Gladbach

»Ich bin kein zweiter Torwart«

Wenn der FC Barcelona anfragt, muss kein Fußballspieler zweimal überlegen – es sei denn, er heißt Marc-André ter Stegen. Ein Gespräch über Treue, Gott und ein Stadionverbot.

Bild: Christiane von Enzberg

Wir haben das nachfolgende Interview mit Marc André ter Stegen Ende März 2015 in Barcelona geführt. Es erschien in gekürzter Fassung der Mai-Ausgabe von 11FREUNDE.

Marc André ter Stegen, Sie sind nun seit zehn Monaten beim FC Barcelona. Inwiefern ist Barca »més que un club«, mehr als ein Klub?

Der FC Barcelona ist einer der größten Vereine der Welt, trotzdem ist es hier sehr familiär. Es ist insofern gar nicht so anders als in Gladbach, denn auch hier denkt niemand, er wäre etwas Besseres.
 
Wie drückt sich das aus?
Die Spieler interessieren sich nicht nur für den Fußball, sondern auch für dich als Menschen. Jeder hat ein offenes Ohr, ganz egal ob er Lionel Messi, Xavi oder Andrés Iniesta heißt. Es gibt keine Neider. Als Xavi letztens eingewechselt wurde, lief Leo prompt zu ihm rüber und streifte ihm die Kapitänsbinde über.
 
Xavi ist also immer noch der Chef?
Ich wollte damit eher sagen, dass sich hier selbst jemand wie Lionel Messi nicht über andere stellt.
 
Verspüren Sie noch jugendliche Euphorie, wenn Sie einem Spieler wie Messi zum ersten Mal gegenüberstehen?
Man macht sich als Fußballprofi frei von der Hysterie oder dem Starkult, der um einen Spieler herrscht. Für mich geht es eh nur um den Menschen. Ob ich jemanden mag oder nicht, hängt jedenfalls nicht von seinen Titeln oder seinem Können ab.
 
Aber Sie müssen doch eine gewisse Vorfreude vor dem ersten Schusstraining mit Messi gehabt haben.
Ach, Leo. Der spielt ja nur so... ganz okay. (Lacht.) Im Ernst: Er ist natürlich ein großartiger Fußballer. Was er mit dem Ball macht, ist brutal.
 
Spazieren Sie auch mal gemeinsam über die Ramblas?
Ich wohne etwas außerhalb und bin daher nur selten in der Stadt. Das ist aber auch gut so. Hier geht es ein wenig aggressiver zu als in Deutschland. Wenn man in der Stadt erkannt wird, bildet sich schnell eine Menschentraube um dich herum. Jeder klopft dir auf die Schultern, jeder will ein Foto. Bei mir hält sich das noch etwas in Grenzen.
 
Was ist noch anders als in der Bundesliga?
Zum Beispiel die Abläufe am Spieltag: Wir treffen uns morgens kurz zum Frühstück und zu einem lockeren Anschwitzen. Wir laufen ein bisschen und spielen etwa 20 Minuten lang fünf gegen zwei. Anschließend fährt jeder wieder nach Hause. Und abends trifft man sich erst zwei Stunden vor dem Spiel. Vor einem Champions-League-Spiel treffen wir uns erst um 18.45 Uhr. Es ist ja aber nicht so, dass wir keinen Erfolg damit hätten. Im Gegenteil.
 
Zu Beginn Ihrer Laufbahn haben Sie mit Ihrem Berater einen Karriereplan entworfen. Stand da unter Punkt zwei ein Wechsel zum FC Barcelona?
So konkret kann man das nicht sagen. Es ging eher darum, mittel- oder langfristige Ziele zu skizzieren. Nach meiner tollen Zeit in Gladbach wollte ich etwas Neues entdecken. Und damit meine ich nicht, eine Abenteuerreise nach Neuseeland oder Amerika. Ich wollte zu einem Fußballverein wechseln, mit dem ich mich voll und ganz identifizieren kann.
 
Sie sind in Gladbach geboren und haben 18 Jahre für Borussia gespielt. Hatten Sie Angst vor der großen weiten Welt?
Angst? Nein. Ich hatte Respekt und eine gewisse Demut. Etwas, das man im Profifußball unbedingt braucht. Es ging auch darum, mal die eigene Komfortzone zu verlassen.
 
Der Wechsel entwickelte sich zu einer Hängepartie. Für Außenstehende entstand der Eindruck, dass Sie sich über den nächsten Schritt nicht sicher waren.
Ich habe das nicht so empfunden.
 
Wann haben Sie sich denn zum ersten Mal mit einem möglichen Wechsel zum FC Barcelona beschäftigt?
Im Oktober oder November 2013. Es war eine unglaublich harte Zeit für mich, denn ich war hin und hergerissen. Der Wechsel bedeutete ja nicht nur eine räumliche Trennung, sondern auch den Abschied von vielen Personen, die mir wichtig waren, von Torwarttrainer Uwe Kamps, Sportdirektor Max Eberl, Trainer Lucien Favre oder Jugendkoordinator Roland Virkus.
 
Wenn der FC Barcelona anfragt, muss man doch nicht lange überlegen.
Zuallererst war es eine Frage des Respekts gegenüber Borussia Mönchengladbach. Auch deswegen habe ich den Namen des neuen Vereins erst nach dem letzten Saisonspiel öffentlich bekannt gegeben. Außerdem war die Situation bei mir besonders. Gladbach hat sehr um mich gekämpft, ein sehr gutes Angebot unterbreitet...
 
Sie hätten zwei Millionen Euro plus Prämien verdient. Es war das beste Angebot, das jemals einem Spieler der Borussia gemacht wurde.
Das weiß ich nicht. Was ich sagen will: Die Zeit war nicht einfach für mich, und jedes Mal, wenn ich an einen möglichen Wechsel gedacht habe, war ich den Tränen nah. Ich habe mich dann im Winter für ein, zwei Wochen zurückgezogen und mich entschieden.
 
Gladbach hatte also wirklich eine reelle Chance?
Es gab weltweit nur einen Verein, der gegen den FC Barcelona eine Chance hatte: Borussia Mönchengladbach.
 
Erklären Sie uns mal Ihre besondere Beziehung zur Borussia.
Der Verein war in unserer Familie präsent, seit ich denken kann. Mein Großvater hat die Spiele am Bökelberg als Polizist begleitet. Mein Vater ist mit mir zum ersten Mal ins Stadion gegangen. Mit vier Jahren habe ich ein Probetraining absolviert und bin eingetreten, ich habe in allen Jugendmannschaften gespielt, bin zum Beispiel mal an der Hand von diesem Riesen Simon Jentzsch eingelaufen und zahlreiche Vorspiele am Bökelberg gemacht. Wenn die Borussia gegen den FC Bayern spielte, war das der helle Wahnsinn, denn die Tribünen waren schon lange vor Anpfiff gefüllt.
 
Damals waren Sie noch Feldspieler.
Stimmt. Doch eines Tages stellte mich der Trainer ins Tor, er fand meinen Laufstil seltsam. Rückblickend kann man sagen: Alles richtig gemacht. (Lacht.)
 
Ihr Idol war Marcel Ketelaer, der Ende der neunziger Jahre als eins der größten Talente in Deutschland galt. Haben Sie sich als junger Spieler mit einem möglichen Scheitern auseinandergesetzt?
Marcel Ketelaer war für mich mehr als nur ein hervorragender Fußballer, er war eine Identifikationsfigur. Er stammte auch aus Gladbach, seine Mutter verkaufte Pommes in der Stadt, und sein Vater stand auf den Tribünen des Bökelbergs und feuerte ihn an. Es war familiär und es fühlte sich trotzdem wie die große Fußballwelt an. Über ein mögliches Scheitern habe ich da nicht nachgedacht.
 
Sie hatten also keinen Plan B in der Tasche?
Wichtig war mir und auch dem Verein, dass ich mein Fachabitur mache. Und natürlich hatte ich immer mal wieder Träume – auch abseits des Fußballs. Ich fand den Beruf des Kochs immer faszinierend, die kreative Arbeit, die Kunst im Zubereiten von Speisen. Eines Tages erzählte mir jemand, wie die Arbeitszeiten eines Kochs sind. Da sagte ich mir: Dann doch lieber Fußballprofi. (Lacht.)