Machen Sie den deutschen Fußball kaputt, Ralf Rangnick?

»Wir schmeißen das Geld nicht raus«

Was noch nicht erklärt, warum Sie bei anderen Klubs wildern.
Natürlich kann man sagen: Wieso gehen die Leipziger 
an diese Spieler ran? Aber es ist nun mal so, dass innerhalb Europas 16-Jährige und in Deutschland 15-jährige Spieler erstmals vertraglich gebunden werden können. Die beiden aus Berlin, über die gerade aktuell diskutiert wird, hatten nach Angaben ihrer Eltern und Anwälte juristisch nichtige Verträge. Für uns 
waren beide Spieler interessant. Der Rechtsstreit zwischen den beiden Parteien zog sich aber durch mehrere Instanzen, so dass wir dann den Kontakt zu Michael Preetz gesucht haben, um eine außergerichtliche Einigung zu erzielen.

Gibt es einen Lerneffekt aus dem Konflikt?
Wir haben intern klar vereinbart, dass wir an keinen Spieler mehr herantreten, wenn er solche zweifelhaften Verträge besitzt. Wenn, dann muss er das selbst klären, nicht wir. Fakt ist aber, dass viele Ausnahmetalente zu uns wollen.

Wie viel Geld haben Sie für Jugendspieler im letzten Jahr ausgegeben? 

Wir schmeißen das Geld nicht raus, und Ablösezahlungen sind bei uns eine absolute Ausnahme. Aber dass wir nicht 
deutlich weniger bieten als andere Vereine, so naiv kann keiner sein. Der Markt wird durch uns allerdings auch nicht 
versaut. Wenn ich merke, dass ein Spieler und sein Berater sagen: Ich komme nur, wenn ich noch 100 000 Euro mehr bekomme, dann sage ich: Tschüss, falsches Motiv, völlig falscher Spieler.

Wenn Sie erst mal in der Bundesliga sind, wird dann richtig geklotzt?
Wir werden unseren Weg mit dieser klaren Transfer- und Spielphilosophie nicht verlassen. Wir werden weiterhin junge, hochtalentierte Spieler holen. Wenn 
es mal wieder einen Marco Reus gibt, 
wie damals, als er zu Gladbach gewechselt ist, wollen wir mit im Rennen sein. Wir wollen keine 28- oder 29-Jährigen holen, um auf Teufel komm raus in der Bundesliga eine gute Rolle zu spielen. Das passt nicht zu unserer Idee vom Fußball und unserer Corporate Identity.

Was Sie hier in Leipzig machen, würde das auch bei einem Traditionsklub funktionieren?
Theoretisch schon. Borussia Dortmund unter Klopp war ja durchaus auf einem mit uns vergleichbaren Weg. Als er zum BVB kam, hat er sich von zwei älteren Spielern, von Frei und Petric, getrennt. Die beiden wären bei einer Umfrage unter den Mitgliedern 
die gewesen, die auf keinen Fall hätten abgegeben werden sollen. Aber Klopp wusste, dass seine Art Fußball zu spielen nicht zu den beiden passt. Wenn sich 
die Führungskräfte auf kurzen Wegen einig sind, dann geht einiges. Oder glauben Sie, dass die Mitglieder von Borussia Dortmund in irgendeiner Art Einfluss 
haben auf die Entscheidungen von Watzke, Zorc und jetzt Tuchel?

Indirekt schon, weil die handelnden Personen in Dortmund durchaus 
auf Fans und Mitglieder hören.

Warum konnten dann 100 000 Mitglieder den finanziellen Fast-Exitus 2004 nicht verhindern?

Wollen Sie die Schuldfrage an der damaligen Misere des BVB auf die Mitglieder abwälzen?
Nein, aber es zeigt doch, dass sie falsche Entscheidungen nicht verhindern konnten.

Nur fürs Protokoll: Wir halten eine Bundesliga, in der die meisten Vereine investorengelenkt sind wie RB Leipzig, für eine Schreckensvision. Wie sähe für Sie eine Bundesliga aus, in der alle Klubs wie RB Leipzig wären?
In 20 bis 30 Jahren wird das wahrscheinlich so sein. Ich glaube, dass es dann keine 50+1-Regel mehr geben wird und dass die Vereine nicht mehr unter den heutigen Bedingungen lizenziert werden. Investoren werden auch in Deutschland irgendwann zur Normalität werden.

Ist es nicht so, dass Sie bei all Ihren Ideen und Ihrem Engagement letztlich doch nur leitender Angestellter in der Marketingabteilung eines Getränkeherstellers sind?
Ich fühle mich Nullkommanull so. Für mich spielt auch keine Rolle, ob wir Umsätze steigern, wenn wir erfolgreich sind. Aber eins will ich noch anmerken. Als mich Herr Mateschitz 2012 gefragt hat, warum in Salzburg und Leipzig das noch nicht so recht klappte, was uns in Hoffenheim gelungen war, habe ich ihm vorgerechnet, dass das Durchschnittsalter zwischen 28 und 29 lag. Damals wurden von Franz Beckenbauer einige Ex-Bayernspieler dorthin empfohlen. Rein sportlich, das war meine Erfahrung aus Hoffenheim, ist es viel sinnvoller, mit Toptalenten zu arbeiten. Sie haben eine ganz andere Motivation. Aber es passt auch besser zur Marke: Jugendliche können sich eher mit jungen Spielern als mit älteren identifizieren.

Populistische Schlussfrage: Machen Sie den deutschen Fußball kaputt?
Ich glaube, dass nur eine klare Minorität der Fans das denkt. Die Mehrzahl begreift, dass wir mit unserem Geld nicht ganz so blödsinnig umgehen. Wir müssen doch das machen, wovon wir überzeugt sind. So wie Sie auch.