Machen Sie den deutschen Fußball kaputt, Ralf Rangnick?

»Wir wollen viele Menschen begeistern«

Wir sehen Farmteams als Zulieferbetriebe für große Vereine kritisch. 
Eines der wichtigsten Elemente der Fußballkultur ist die unverwechselbare Identität der Klubs. Mal konkret gefragt: Was bedeutet für Sie Fußballkultur?
Da kann ich mit meiner eigenen Biografie antworten. In der Saison 1980/81 habe ich den englischen Fußball kennen und lieben gelernt, bei Arsenal. Ich hatte mich vor dem Fernseher immer gefragt, wie diese Wellenbewegungen hinter dem Tor zustande kommen. In Highbury habe ich mich ins Clock End gestellt und wusste danach, wie’s geht: Am Vordermann festhalten und mitspringen. Für mich ist Fußballkultur also: volles Stadion und Fans, die mit Leib und Seele hinter ihrem Verein stehen, eventuell sogar ein Leben lang.

Gerade weil Fans ihren Klub nicht 
nur für Erfolge lieben, sondern auch für das, wofür er jenseits des Rasen steht: Wie schwer ist es, einen Klub 
wie RB Leipzig zu lieben?
Irgendwann ist ja jeder mal Anhänger eines Vereins geworden. Und man muss doch auch einem 14-Jährigen in Leipzig zugestehen, dass er Fan seines Heimatvereins wer
den kann. Wir stehen in der Zuschauertabelle der zweiten Liga übrigens vor St. Pauli, Kaiserslautern, Nürnberg 
und Düsseldorf. Und wir wollen auch 
in Zukunft möglichst viele Menschen 
mit auf unsere Reise nehmen.

Warum gehen die Leute ins Stadion?
Weil sie guten Fußball sehen und mit einem Verein sympathisieren wollen. Auch weil sie sich mit ihren Vorbildern identifizieren wollen. Denn das sind Fußballer nun mal, ob sie wollen oder nicht.

Das glauben wir nicht. Viele Menschen gehen auch ins Stadion, weil sie im Fußball mehr sehen als nur ein Spiel. Und weil für sie Klubs mehr sind als nur Organisatoren eines Spielbetriebs.
Ich bin der hundertprozentigen Überzeugung, dass wir, wenn Leipzig 
in der ersten Liga spielt und wir den 
Fußball spielen, der in meinem Kopf jeden Tag abläuft, eine totale Bereicherung für die Bundesliga sein werden.

Aber eine vielfältige Fußballkultur drückt sich doch nicht nur in schönem Fußball aus. Es geht doch darum, dass sie bei den Leuten auch darüber hinaus etwas auslöst. Da stellt sich für uns die Frage: Wie kann sich Kultur gegen Kommerz behaupten? Im Gegensatz dazu verstehen wir Sie so: Am Ende wird das Geld entscheiden.
Die Kultur kann man am Ende aus meiner Sicht 
auf wenige Dinge reduzieren: Das Alter eines Vereins ...

... für uns ist das kein Kriterium. Der 1. FC Köln ist 1949 gegründet worden, die TSG Hoffenheim 1899 …
... und 
wie bereits gesagt, gehören auch ein volles Stadion, die Fans und das Vereinsleben dazu. Ganz unabhängig davon spielt grundsätzlich natürlich auch das Startkapital eine wesentliche Rolle. Da haben wir definitiv deutlich bessere Startbedingungen gehabt als andere. Aber ich bin hier, weil ich gemerkt habe, dass ich mich hier leichter produktiver verwirklichen kann als in manchen Traditionsklubs, in denen es Gremien gibt oder Sprüche wie: »Haben wir früher auch nicht gebraucht.« Wir haben auch keine Ex-Nationalspieler, die irgendwelche Kolumnen schreiben.

Gibt es für Sie eine Grenze für die 
Kommerzialisierung des Fußballs?
Schauen Sie sich mal den internationalen Fußball an und die monetäre Kette. Draxler wäre nicht nach Wolfsburg gewechselt, wenn De Bruyne nicht zu ManCity gewechselt wäre. Aber irgendwann wird eine Obergrenze erreicht 
sein und die Blase platzen.

Sie schmücken sich mit Karrieren junger Spielern, holen Sie aber mit viel Geld von anderen Klubs weg. Zuletzt haben Sie Hertha eine Viertelmillion für einen 15-Jährigen bezahlt.
Es gibt in Deutschland nur ein knappes Dutzend Vereine, die im Nachwuchsbereich so aufgestellt sind, dass sie sich um die besten Talente Europas bemühen können.

Oha, Hertha gehört offensichtlich nicht dazu!
Das habe ich nicht gesagt. Nur eine Geschichte dazu: Vor rund vier Jahren gab es einen Klub, der an zwei oder drei 15-Jährigen eines anderen Vereins dran war. Deren Jugendtrainer rief mich an und fragte mich um Rat, da ich zu diesem Zeitpunkt keinen Trainerjob hatte. 
Ich riet ihm, er solle seinen Manager und Cheftrainer bitten, sich mit den Eltern und den Spielern an einen Tisch zu setzen, um ihnen die Perspektiven in seinem Klub aufzuzeigen. Das waren schließlich Jungs, die dort Zuhause waren. Eine 
Woche später erzählte er mir, beide 
hätten dafür keine Zeit gehabt. Darauf--hin sind zwei der Spieler gewechselt.