Leon Andreasen über Tiefschläge und Willenskraft

»Natürlich war ich enttäuscht«

Leon Andreasen war mehrmals von der Rasenfläche verschwunden. Wie steckt jemand derartig viele Rückschläge ein und steht dennoch immer wieder auf?

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Leon Andreasen, während eines Ihrer Auftritte für Werder Bremen wies Rolf Töpperwien einmal auf die korrekte Aussprache Ihres Nachnamens hin und schrie inbrünstig »Andrööösen« ins Mikrofon. Ein für allemal: Wie wird Ihr Name richtig ausgesprochen?
Jürgen Klopp nennt mich heute noch so, wenn wir uns mal über den Weg laufen. Korrekt spricht es sich aber mit langem A, also Andre-a-sen. Ich weiß auch nicht, wie Töpperwien damals auf die Idee kam. Aber es war natürlich eine gute Vorlage für einen Running Gag.

Michael Frontzeck nannte Sie kurz vor Saisonstart den »logischen Leader« im Team von Hannover 96. Sind Sie zu einer Führungspersönlichkeit herangereift?
Aufgrund meines Alters reden immer alle von Routine, Erfahrung und davon, dass ich die jüngeren Spieler mitziehen würde. Das Alter spielt dabei für mich aber keine Rolle. Es zählt nur, dass man im Training immer alles gibt, was man geben kann. Auch wenn man über 30 ist.

Sie haben sich mehrmals nach schweren und langwierigen Verletzungen zurückgekämpft. Gerade in puncto Motivation und Willenskraft müssten Sie ihren jüngeren Kollegen doch vieles mit auf den Weg geben können.
Die Verletzungspausen waren immer unheimlich harte Zeiten. Daraus nehme ich mit: Es lohnt sich immer, wirklich immer, zu kämpfen. Ganz egal, wie finster es gerade aussieht. Die Ärzte versicherten mir damals, dass es für mein Problem keine Lösung gäbe. Das wollte ich aber nicht einsehen und blieb stur. Damit sollte ich ja schließlich Recht behalten.

Wie haben Sie in dieser Zeit Kraft geschöpft?
Mein Sohn und meine Ex-Frau haben mir enorm den Rücken gestärkt. Dennoch war ich oft alleine und musste vieles mit mir selbst ausmachen. Ich musste schon den einen oder anderen Schweinehund überwinden. Ich habe aber immer daran geglaubt, dass es irgendwann klappen werde. Obwohl es immer eher abwärts als aufwärts ging. Das war wirklich keine schöne Zeit.

Hatten Sie zwischenzeitlich mit Ihrer Karriere abgeschlossen?
Nach zwei Jahren habe ich mich natürlich gefragt: »Was machst du, wenn es im nächsten Sommer nicht klappt?« Aber glücklicherweise musste ich diesen Gedanken nicht weiter verfolgen.

Ein konkreter Plan B ist also nicht entstanden?
Nein. Ich habe auch in den schlimmsten Phasen an die Rückkehr geglaubt und wollte auch nicht ernsthaft über andere Optionen nachdenken. Ich plane aber schon länger, kurz vor Karriereende oder direkt danach meinen Trainerschein zu machen.

Der Verein hat trotz des unsicheren Ausgangs immer an Ihnen festgehalten. Sind Sie dankbar für das Vertrauen?
Natürlich muss das der Vereinsführung von Hannover 96 hoch angerechnet werden. Aber man muss auch bedenken, dass der Verein nach sechs Wochen nicht mehr alles zahlt. Für Flüge und Ärzte musste ich selbst aufkommen, obwohl ich fast acht Monate lang kein Geld verdient habe.

Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, wonach Profifußballer vermehrt über seelische Belastungen klagen. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Da sollte man vorsichtig sein und bedenken, dass jeder Mensch da ganz anders reagiert. Jeder geht mit Stresssituationen und schwierigen Phasen anders um. Natürlich war ich enttäuscht und down.

Gerade im Profisport wird über dieses Thema viel geschwiegen.
Das ist eine Krankheit, die auf jeden Fall ernst genommen werden muss. Und deshalb müssen sich damit Experten, also Mediziner, beschäftigen.