Lajos Detari über seine Karriere

»Jetzt werd mal nicht frech!«

Er schoss Eintracht Frankfurt zum DFB-Pokalsieg und war 1988 der teuerste Spieler der Bundesligageschichte. Noch heute fragen die Fans: Wo sind die Detari-Millionen geblieben?

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Lajos Detari, haben Sie sich schon mit Ralf Zumdick getroffen?
Klar. »Katze« ist ja momentan Co-Trainer bei Ferencvaros Budapest. Neulich bat uns ein ungarischer TV-Sender sogar, dass wir die entscheidende Freistoßszene aus dem DFB-Pokalfinale 1988 noch einmal im Ferencvaros-Stadion nachstellen.

Haben Sie den Ball wieder im Winkel versenkt?
Nein, »Katze« hat gehalten. Ich war aber auch nicht aufgewärmt. (Lacht.)

Durch ein Freistoßtor von Ihnen gewann Eintracht Frankfurt am 28. Mai 1988 den DFB-Pokal gegen den VfL Bochum. Es war der letzte große Titel für den Klub. War es der wichtigste Treffer Ihrer Karriere?
Er gehört definitiv zu den wichtigsten. Als ich mir den Ball hinlegte, rief Frank Schulz: »Wir gehen dann schon mal zurück, Lajos! Der ist ja sowieso drin.« Und dann landete er wirklich im Winkel. »Katze« hatte keine Chance.

Sie waren der erste Bundesligaspieler mit bunten Fußballschuhen. Warum trugen Sie im Finale schwarze Töppen?
Puma hatte für mich Schuhe in den ungarischen Landesfarben angefertigt. Ich habe sie einige Male getragen, aber Sie wissen doch: Spielmacher sind oft ein bisschen verrückt. Vor dem Finale dachte ich, mit den schwarzen Schuhen klappt’s besser.

Waren Sie der geborene Spielmacher?
Ich wuchs in einem Vorort von Budapest auf, dort gab es nichts außer einem Fußballplatz. Also ging ich täglich dorthin und träumte, ich wäre Johan Cruyff. Zehner haben mich immer fasziniert. Diese Freiheit, dieses Ballgefühl, wie sie über das Feld schwebten. So wollte ich auch werden.

Wie wurde Honved Budapest auf Sie aufmerksam?
Ich machte meine Sache in meiner Dorfmannschaft ganz gut, und Honved lud zum Probetraining ein, da war ich elf Jahre alt. Es war aber gar nicht mein Plan, Profi zu werden. Ich machte mein Abitur und schloss danach eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker ab. Aber irgendwie lief es ganz ordentlich.

Sie untertreiben. Für Honved schossen Sie in den Achtzigern 72 Tore in 134 Spielen, Sie wurden dreimal hintereinander Meister und Torschützenkönig.
Stimmt. Wussten Sie, dass ich auch das letzte Tor Ungarns bei einem internationalen Turnier schoss? 1986 in Mexiko. Wir gewannen 2:0 gegen Kanada.

Mitte der Achtziger war halb Europa hinter Ihnen her. Warum wechselten Sie nach Frankfurt?
Ich hatte Vorverträge mit Barcelona und Monaco. Der Wechsel nach Frankfurt war eine politische Entscheidung, darauf hatte ich keinen Einfluss.

>> So verlief die Begegnung mit Lajos Detari in Budapest

Wie meinen Sie das?
Eigentlich durften ungarische Fußballspieler nicht vor ihrem 30. Lebensjahr ins westliche Ausland gehen. Weil Ungarn aber bei der WM 1986 so schlecht abschnitt, gab sich das Sportministerium liberaler und hob die Altersgrenze in speziellen Fällen auf. Die Funktionäre hofften, dass die Nationalmannschaft davon profitiert. Also durfte ich mit 24 Jahren wechseln.

Eintracht Frankfurt blieb in der Saison 1986/87 nur mit Mühe in der Bundesliga. Hatte der Verband kein Interesse, dass Sie zu einem Topklub gehen?
Die Bundesliga galt in Ungarn als sehr gute Adresse. Außerdem war Eintracht damals vielleicht sportlich eine graue Maus, aber die Mitarbeiter kannten alle Tricks. Vor allem der damalige Schatzmeister Wolfgang Knispel. Der trank mit den Ungarn ordentlich Tokajer (ungarischer Süßwein, d. Red.). Angeblich, so erzählte man sich später, fiel mein Preis nach jeder geleerten Flasche um 100.000 Mark.

Sie waren mit einer Ablöse von zwei Millionen Mark trotzdem der teuerste Transfer der Bundesligageschichte. Spürten Sie Druck?
Total. Und ich hatte große Angst. Ich dachte, die Bundesliga sei nichts für kreative Spieler, dort würden alle nur rennen und grätschen. Also sprach ich noch ein letztes Mal beim Ministerium vor, ob ein Wechsel nach Monaco nicht besser sei. Doch die Verbandsgranden hatten längst entschieden.

Wer bekam die Ablöse?
Da wir uns noch im Kommunismus befanden, verkaufte Honved mich nicht, man verlieh mich. Das Geld ging an den Verband, an den ich auch 30 Prozent meines Gehalts abgeben musste.

In den ersten Monaten lief es für Sie und die Eintracht nicht gut. Die Journalisten machten Sie als Sündenbock aus.
Ich konnte anfangs kein Deutsch und verstand nicht, was die Presse über mich schrieb. Aber natürlich merkte ich, dass die Stimmung miserabel war. Von den ersten sieben Spielen gewannen wir nur eins. Also setzte ich mich hin und lernte Deutsch.

Sie trainierten nicht, sondern lernten Deutsch?
Ich dachte, wenn ich die Sprache beherrsche, wird auch mein Spiel besser.

Sie waren nur ein Jahr in Deutschland, sprechen aber heute noch fast fließend Deutsch. Sind Sie ein Sprachtalent?
Mir fiel das zu. Ich spreche auch Italienisch, Griechisch und Englisch. Wenn du im Ausland spielst, musst du die Sprache beherrschen. Mir half auch, dass Kalli Feldkamp (Eintracht-Trainer in der Saison 1987/88, d. Red.) den Leuten befahl, mit mir viel Deutsch zu sprechen. Dass unser Zeugwart Toni Hübner perfekt Ungarisch sprach, erfuhr ich erst Jahre später. Immerhin konnte ich mich mit Istvan Sztani (1959 Meister mit Eintracht Frankfurt, d. Red.) auf Ungarisch unterhalten. Das half ein bisschen gegen das Heimweh.