Kommerz im Fußball: Was sich laut Andreas Rettig alles ändern muss

»Ich erkenne, wer wirklich Einfluss hat«

Die zweite Liga gewissermaßen als Ausbildungsliga fürs Oberhaus?
Die Zweitliga-Vereine haben immer weniger Möglichkeiten, eine gute Substanz, also eine gute Jugend, aufzubauen. Früher konnte jeder Verein seine Eigengewächse selbst ausbilden, dann verkaufen und erwirtschaftete daraus Gewinn. Heute wechseln bereits 13-Jährige und wir können sie nicht halten.

Wie kommen Sie in DFL-Sitzungen mit solchen Vorschlägen weiter?
Wenig. Das Problem ist, dass die DFL sich klar positioniert hat, dass sie die Konkurrenzfähigkeit der international vertretenen Klubs fördern will.

Das wird so geäußert?
Nein, aber es lässt sich aus den Entscheidungen ableiten. Ich erkenne, wer wirklich Einfluss hat. Wenn Karl-Heinz Rummenigge sich öffentlich über die Zentralvermarktung Gedanken macht, dann beeindruckt das auch den ein oder anderen Zweitliga-Vertreter. Ich habe den Eindruck, dass sich mancher Funktionär eines kleinen Klubs nicht öffentlich äußert, aus Angst die Zentralvermarktung zu gefährden. So entsteht der Eindruck, dass wir in St. Pauli die Krawallbrüder sind, was ich sehr bedaure. Denn generell macht die DFL sehr gute Arbeit, nur steht eben nicht mehr das Gemeinwohl aller 36 Klubs im Vordergrund und die Solidargemeinschaft wird scheibchenweise aufgekündigt.

Woran machen Sie das konkret fest?
Früher wurde der Ärmelsponsor zentral vermarktet und kleine Vereine profitierten auf diese Weise von der Strahlkraft eines Vereins wie Bayern München. Das wurde aufgekündigt. Jetzt hat jeder seinen eigenen Ärmelsponsor und welche Klubs erhalten die lukrativen Angebote? Die Großen. Ich wundere mich, warum das alles so hingenommen wird.

Sie kritisieren auch den Rettungsschirm beim TV-Geld für Absteiger aus der ersten Liga…
…der übrigens Absteigern aus der zweiten in die dritte Liga fehlt! Gegen den Rettungsschirm habe ich grundsätzlich gar nichts. Wenn er nur nicht so groß wäre, dass er den direkten Wiederaufstieg bewirkt. Wenn ein Verein aber in die 3. Liga abstürzt, muss in der Jugend gekürzt werden, weil der Verein sofort wieder aufsteigen will und mehr Geld in die erste Mannschaft pumpt. Das geht an die Substanz dieser Klubs und gefährdet sie existenziell.

Warum gelingt es Ihnen nicht, andere Zweitligisten für Ihre Anliegen zu mobilisieren?
Dass etwas schief läuft, muss jeder selbst feststellen. Ich würde mir wünschen, dass Vereine viel öfter ihre Stimme erheben und nicht im Schneckenhaus bleiben. Wir kämpfen ja nicht nur für den FC St. Pauli, sondern für die Solidargemeinschaft. Uns geht es im Vergleich zu anderen Zweitligisten wirtschaftlich gut, aus diesem Grund müssten wir unsere Stimme nicht erheben. Allerdings liegt das Problem nicht einzig und allein bei den Vereinen, denn es wird verbandsseitig darauf geachtet, kritische Stimmen nicht zu laut werden zu lassen.

Erläutern Sie uns doch mal Ihre Idealvorstellung, wie Profifußball in Zukunft aussehen soll?
Die 50+1-Regel muss erhalten bleiben und Ausnahmen von der Regel nach strengen Maßstäben geprüft werden. 50+1 ist der Grundpfeiler des Erfolgs des deutschen Fußballs. Doch die Motivation, an einem Verein mitzuwirken, hat sich über die Zeit und durch die veränderte Anteilsstruktur verschoben. Wenn diese Regel aber fällt, ist sicher: Dann beginnt das Wettrennen um den reichsten Oligarchen.

Mal ehrlich, glauben Sie wirklich, dass die überdrehenden Kommerzialisierungsspirale noch aufzuhalten ist?
Das hängt von uns ab. Vielleicht hilft es, wenn es noch zwei, drei weitere Wahnsinnstransfers der Größenordnung Neymar gibt, damit jeder merkt: Man kann sich auch die Champions League kaufen.

Aber auch beim FC St. Pauli steigen die Spielergehälter stetig?
Natürlich wäre es ein Traum, dass Spieler nicht des Geldes, sondern wegen der Werte, für die der FC St. Pauli steht, zu uns kommen. Aber wenn sich ein Profi für ein deutlich lukrativeres Angebot entscheidet, habe ich damit kein Problem. Da glaube ich an das Bild von Heribert Bruchhagen: Die Flut hebt alle Boote.