Kiels Sportdirektor Fabian Wohlgemuth im Interview

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Echte Pharaonen gibt es kaum mehr«

Eine Besonderheit, die einige Ihrer Spieler nur für kurze Zeit zu wissen schätzen. Aktuell verließen mit David Kinsombi, Atakan Karazor und Kingsley Schindler drei absolute Leistungsträger den Verein. Trainer Tim Walter schloss sich Ligakonkurrent VfB Stuttgart an. Fühlen Sie sich wie Sisyphus, der den Stein immer wieder den Berg raufrollen muss?
Nein, Kinsombi und Schindler fehlten uns mit schweren Verletzungen bereits in der gesamten Rückrunde. Wir sind geübt darin, in der laufenden Aktion Lösungen für diejenigen Spieler zu finden, die sich zu Höherem berufen fühlen. Das gehört zur DNA des Vereins und ist eine Qualität, die uns im Wettbewerb erheblich weiterhilft. Auch der Verlust von Tim Walter hat uns nicht unvorbereitet getroffen. Über die Ambitionen des Trainers, ohne dass er sie selbst geäußert hätte, wurde schon seit März eifrig geschrieben.

Mit Andre Schubert hat Holstein Kiel einen neuen Coach. Einer, von dem es heißt, dass er zuletzt bei Eintracht Braunschweig Probleme innerhalb der Mannschaft hatte.
Im schnelllebigen Fußball ist Andre Schubert ein sehr erfolgreicher Trainer. Er ist mit Paderborn aufgestiegen. Er hat eine starke erste Saison mit dem FC St. Pauli gespielt. Er hat Gladbach auf dem 18. Platz übernommen und ist in die Champions League eingezogen. Er hat Braunschweig mit neun Punkten hinter dem Strich noch vor dem Abstieg gerettet. Auf dem Papier ist das ziemlich erfolgreich.

Gerade Sie sollten sich doch eigentlich nicht vom Papier täuschen lassen.
Genau, und deshalb halten wir uns an die Fakten. Schubert weiß, welche Aufgaben ihn bei uns erwarten. Wir haben unsere Ziele intensiv besprochen: Also frischen, offensiven, antriebsfreudigen Fußball erhalten. Und obendrein ist uns wichtig: Auch Schubert hat in Paderborn, beim DFB und in Gladbach Ausbildungsarbeit betrieben. Auf dieses Handwerk legen wir hier in Kiel sehr viel wert.

Andre Schubert gilt als sehr ehrgeizig.
Ja, das passt. Der Umgang mit der Mannschaft, die Ansprache und die Arbeit auf dem Platz ist durchweg professionell.

Sie verpflichteten im Nachgang auch Fabian Boll als Co-Trainer. Um Schubert einen Part für die gute Laune an die Seite zu stellen?
Ja, denn das wichtigste im Spiel ist die Freude (lacht).

Es gibt im Fußball die Denkweise, dass es bei einem Trainerwechsel auch einen Charakterwechsel benötigt. Auf einen Taktierer sollte zum Beispiel ein Motivierer folgen.
Was sich auf dem Markt ablesen lässt, ist der verlässliche Wechsel von Alt auf Jung. Nach einem Haudegen heißt es im Management immer: Wir brauchen jetzt einen jungen, innovativen Trainer. Danach braucht es wieder einen Routinier, der die Abläufe kennt und das Spiel mit den Medien beherrscht. Das ist häufig dasselbe.

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, können Sie das nicht immer ganz nachvollziehen.

Echte Pharaonen gibt es heutzutage kaum mehr. Niemand agiert mehr als Alleinherrscher. Jeder Mensch hat seine eigene Art und seine Kernkompetenzen. Aber es wird keinen Trainer mehr geben, der alles auf sich vereint. Auch bei unserer Trainersuche. Ich muss gestehen, dass ich wählerisch bin. Ich wollte jemanden, der eine Verbindung zu den Spielern aufbaut, der im richtigen Moment Härte zeigt, in jedem Moment die richtige taktische Entscheidung fällt und der einzelne Spieler und den Teamverbund besser macht.

Und Manager?
Für die ist jeder Arbeitstag viel zu kurz. Ich hatte mir immer vorgenommen, die Spiele unserer A- und B-Junioren zu beobachten, auch die C-Jugend interessiert mich. Aber ich schaffe es einfach nicht. Ich habe ja auch zwei Kinder, die sehe ich viel zu selten. Aber wichtig ist, dass ich die Einsicht habe und überlege: Wen hole ich mir an die Seite, um diese Schwäche zu kompensieren? Genauso wie es unser Trainer jetzt auch macht.

Weshalb Fabian Boll jetzt Co-Trainer ist?
Dass Andre Schubert seine Stärken und aber auch Schwächen kennt, ist für mich ein starker Beweis von Professionalität.

Aber hat Holstein Kiel nun einen Charakterwandel auf der Trainerposition vorgenommen?
Entscheidend ist doch, was die Mannschaft braucht, was die Mannschaft mit ihren unterschiedlichen Typen voranbringt. Ich glaube grundsätzlich, dass Abwechslung einer Mannschaft guttut. Aber das ist abhängig von der Struktur eines Kaders. Ist die Mannschaft bereit für einen Taktikfanatiker? Oder läuft es über die Emotion? Sollte man die Jungs anschreien oder in aller Ruhe den Austausch suchen? Wir haben sehr viele intelligente Spieler. Fast jeder hat Abitur. Hauke Wahl, der für den Spielaufbau zuständig ist, hat ein fantastisches Einser-Abi. Solche Spieler setzen sich sehr intensiv mit ihrem Sport auf allen Ebenen auseinander, sind aufnahme- und lernfähig. Dass Hauke nun deshalb besser funktioniert, weil ein Intellektueller auf der Bank sitzt, ist völliger Quatsch. Fußball ist Volkssport Nummer 1, weil es zur Spielintelligenz keinen Numerus Clausus braucht.