Kiels Sportdirektor Fabian Wohlgemuth im Interview

»Den Jungs wird einfach alles abgenommen«

Aber wenn Sie jetzt doch einen Namen nennen müssten?
Dann: Elvis Rexhbecaj.

Warum?
Als ich nach Wolfsburg kam, fing er auch gerade an. Und als ich ging, war er immer noch dort. Elvis hinkte in der biologischen Entwicklung stets hinterher; und das in einer Zeit, als der Fußball gerade sehr viel athletischer wurde. Er hatte auch mal längere Phasen auf der Bank verbracht. Aber Elvis hat uns alle begeistert, weil er nie aufgesteckt hat. Nach fünf Wochen auf der Bank ist Elvis im Training immer noch am meisten gelaufen.

Und dann wurde er belohnt?
Von wegen, Ausbildungs-Fußball tickt anders. Im Mittelpunkt steht immer die Suche nach einem neuen Makel. »Ja, toller Spieler, mit viel Herz dabei. Doch schade, …«

Er war also schon abgeschrieben?
Ja, quasi. Die Kader werden ja vor jeder Saison neu zusammengestellt und da wurde es einige Male ganz schön eng für ihn. Noch bei den A-Junioren gab es große Zweifel. Aber wir entschlossen uns, es zu probieren. Und mittlerweile spielt er für den VfL regelmäßig in der Bundesliga. Ich hätte ihn gern bei uns in Kiel.

War es förderlich, dass sein Vater währenddessen beim VfL die Spielfelder gemäht hat?
Ich bin überzeugt davon, dass es grundsätzlich förderlich ist, wenn die Eltern in der Nähe leben.

Sie boten dem Vater einen Job an, weil sie Elvis Rexhbecaj unbedingt haben wollten. Fast hätte er es nicht geschafft. Zeigt das nicht auch, welche extremen Mittel im Jugendfußball herrschen?
Solche Fälle gibt es ja überall - und sie gehen eher selten positiv aus. Es gibt genügend Juniorenspieler, um die sich Vereine vor Jahren gerissen haben, deren Väter gar plötzlich von den Klubs ihrer Söhne als Scout beschäftigt wurden. Und jetzt spielen sie nur in der Regionalliga. Trotzdem ist es in der heutigen Zeit so: Wenn von den fünf, sechs Spielern nur einer in die Bundesliga kommt, dann hat sich alles gelohnt. Alles.

Ist das so?
Das ist eine einfache Rechnung. Wenn ein Jugendspieler in der Bundesliga spielt, möglicherweise obendrein in der Nationalmannschaft und dann in der heutigen Zeit zu einem zweistelligen Millionenbetrag den Verein wechselt, dann hat sich alles amortisiert: Die Trainingsplätze, die neuen Umkleiden, die Fahrtkosten. Alles.

Alle anderen bleiben auf der Strecke. Ist das nicht schon bei der Anwerbung scheinheilig?
Nein, denn versprechen kann man den Jungs nichts. Wir haben uns in Wolfsburg stets bestmöglich bemüht, alle unsere Spieler sowohl fußballerisch als auch schulisch weiterzubilden. Dass nur der kleinste Teil aller Ausbildungsspieler später den Durchbruch schafft, ist allen bekannt, schockiert also niemanden. Ich habe ohnehin den Eindruck, dass auch gar nicht mehr alle - selbst bei guten Aussichten - den letzten Ehrgeiz in sich tragen, oben ankommen zu wollen.

Woran könnte das liegen?
An den Komfortzonen, in die diese rundum-versorgten jungen Leute in den Nachwuchsleistungszentren eingebettet werden. Auch an den Veränderungen in unserer Gesellschaft. Der Fußball als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs ist zwar nicht entzaubert, hat jedoch für die große Mehrheit an Relevanz eingebüßt. Vielen, fast allen, geht es auch so gut. Wenn man aber sieht, aus welchen Konfliktherden die heutigen Topprofis kommen, dann ist eine Tendenz erkennbar.

Und zwar?
Dies sind dann die wahren Aufsteigergeschichten. Elvis Rexhbecaj ist ein Flüchtlingskind aus dem Kosovo. Hat dort Nächte in Luftschutzbunkern verbringen müssen. Der Vater ist dankbar, zu jeder Tag- und Nachtzeit arbeiten zu dürfen. Diese Belastbarkeit seines Vaters hat Elvis adaptiert und konditioniert. Diese Bereitschaft fehlt mittlerweile vielen.

In Ihrer Zeit als Leiter des Nachwuchszentrums des VfL Wolfsburg haben Sie einst gesagt: »Die Stadt ist für Fußballer ideal, weil Sie keine Ablenkung bietet.«
Wolfsburg ist kein Dorf. Sondern dank VW eine Großstadt, die die europäische Wirtschaft mitbestimmt. Wolfsburg ist ein Umschlagsplatz für Geld und Beziehungen. Der Fußball hat davon eine Menge abbekommen: Die gesamte Infrastruktur - mit den Trainingsplätzen und der Arena - ist perfekt. Deshalb ist Wolfsburg als Aktionsfeld für eine fußballerische Ausbildung ideal.

Abgeschottet von der normalen Welt...
In Wolfsburg kann sich jeder auf Fußball konzentrieren, somit besser werden. Doch was passiert im Kopf? Selbstmotivation und Bodenständigkeit gehen verloren. Viele Talente realisieren nicht mehr, was außerhalb der Trainingszentren passiert. Das ist ein Problem vieler gutsituierter Nachwuchsleistungszentren: Den Jungs wird einfach alles abgenommen. Es ist für alles gesorgt, bloß keine Probleme.

Beliebte Anekdote aus der Redaktion. Als wir Julian Draxler besuchten, fragte er, wo wir in Wolfsburg schon gewesen wären. Ein Kollege sagte: Am Bahnhof. Draxler entgegnete: Dann habt ihr ja alles gesehen.
Der Bahnhof ist beliebt. Wer die Anonymität sucht, fährt mit dem ICE in die Hauptstadt. Man kennt ja die Geschichten von Bendtner, Kruse, Geld im Taxi. Ich bin damals zwei, drei Mal in der Woche in meine Heimat Berlin gependelt, wo meine Familie lebt. Eine Stunde bis nach Berlin. Im Zug kannte man sich, es waren ja immer die gleichen Gesichter.

Gibt es eine Art Fußball-Abteil?
(lacht.) Die 1. Klasse.

Keine Ablenkung - ist das auch ein Argument für Spieler, die Sie jetzt als Geschäftsführer Sport nach Kiel locken wollen?
Wolfsburg und Kiel haben nicht viel gemeinsam. Kiel ist schon besonders, sehr vielfältig, facettenreich, lebendig. Uni, Hafen, Handball - alles quasi auf Weltniveau. Eine Stadt mit Strand. Alle Spieler und Mitarbeiter, die zum ersten Mal hier waren, sind sofort begeistert. Meine Wohnung liegt 100 Meter von der Förde entfernt. Ich gehe manchmal morgens hinunter, sehe dabei Segelyachten, Kreuzfahrtschiffe und Fähren an mir vorbeischippern. Das ist etwas Besonderes, das macht den Kopf frei.