Karriererückblick mit Torsten Mattuschka

»Das Negativbeispiel für einen Trainer«

A propos dicker Opa: Sie geben offen zu, sich während Ihrer Karriere nicht immer sportlergerecht ernährt zu haben, bezeichnen sich selbst als »Kultkicker mit Plauze«. Denken Sie, dass ein Fußballer mit Übergewicht in der heutigen Bundesliga noch möglich wäre?

Das hängt ganz davon ab, ob sich heute noch einen Verein findet, der auch mal auf einen Spieler setzt, der nicht wie der »normale« Fußballer aussieht. Und natürlich, ob der Spieler trotzdem seine Leistung bringen kann. Wenn das bei mir irgendwann nicht mehr der Fall gewesen wäre, hätte ich schon meine Ernährung umgestellt. Aber da ich trotz meiner 82, 83, manchmal auch 84 Kilo – irgendwann wurden es mit jedem Jahr 500 Gramm mehr – immer ein wichtiger Teil der Mannschaft war, hat das für mich immer gepasst. Ich hatte zwar nie ein Sixpack, dafür immer mein Onepack. Natürlich könnte ich das im Nachhinein jetzt alles schönreden, und vielleicht hätte ich sogar noch mehr erreichen können, wenn ich nicht zu McDonalds gegangen wäre und statt Döner lieber Protein-Eiweiß-Riegel und Müsli gegessen hätte. Ob ich dann sogar in der Bundesliga gelandet wäre, wer weiß das schon – die berühmte Glaskugel, die habe ich nicht.

In der Saison 2013/14 waren Sie der beste Scorer der Zweiten Liga, doch kurz nach dem Abgang von Uwe Neuhaus verließen auch Sie Union. Beim neuen Trainer Norbert Düwel fehlte Ihnen die Wertschätzung, Sie sahen keine Chance mehr auf regelmäßige Einsätze.

Mein Problem war, dass Norbert Düwel nicht ehrlich zu mir war. Im Vier-Augen-Gespräch hat er mir erzählt, wie wichtig ich für die Mannschaft sei und dass er weiter mit mir planen würde, auf dem Platz hat er dann aber was völlig anderes umgesetzt. Ich bin aber ein Typ, der geradeaus ist, der auch sagt, was er denkt, und deshalb kann ich so einen Charakter überhaupt nicht leiden. Wenn er mir von Anfang an gesagt hätte: »Tusche, ich plane nicht mit dir. Du bist zu alt, zu langsam, zu dick«, dann hätte ich gewusst, woran ich bin. Aber nicht den Mut zu haben, mir das ins Gesicht zu sagen, sondern mich einfach auf die Bank zu setzten, das finde ich schwach. In der Vorsaison war ich noch Kapitän, habe zwölf Tore gemacht und zwölf vorbereitet, da verlernt man ja nicht plötzlich das Fußballspielen.

Sie gingen zurück in Ihre Heimatstadt Cottbus.

Am liebsten hätte ich meine Karriere bei Union beendet, das ist doch klar. Aber ich denke, wenn ich unter Düwel geblieben wäre, hätte es nur noch mehr gekracht, und das wäre auch nicht im Sinne des Vereins gewesen. Außerdem hätte sich mein Vertrag nur verlängert, wenn ich 22 Spiele gemacht hätte, und die hätte ich nicht bekommen. Ich hatte aber noch Bock auf Fußball, und da war das Angebot aus Cottbus unschlagbar, obwohl Energie damals gerade in die Dritte Liga abgestiegen war.

An Ihre Erfolge bei Union konnten Sie in Cottbus nicht mehr anknüpfen. Was lief rückblickend betrachtet falsch?

Vielleicht habe ich die Unterschiede zwischen der Zweiten und der Dritten Liga unterschätzt. Bei Cottbus lag der Fokus weniger auf dem Spielerischen, da waren mehr kämpferische Tugenden gefragt. Die erste Saison lief zwar noch einigermaßen okay, da haben wir einen soliden Mittelfeldplatz belegt. Aber das zweite Jahr war dann mit dem Abstieg die absolute Katastrophe. Obwohl wir gut in die Saison gestartet sind und aufsteigen wollten, waren wir irgendwann in einer Negativspirale, aus der wir nicht mehr rausgekommen sind. Dazu kam, dass ich häufig verletzt war und nur noch selten meine Leistung zeigen konnte. Trotzdem denke ich, dass die Entlassung des damaligen Trainers Stefan Krämer ein Fehler war. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit ihm die Kurve gekriegt hätten.

An seinem Nachfolger, Vasile Miriuta, lassen Sie in Ihrer Biographie »Kultkicker mit Herz und Plauze« kein gutes Haar.

Absolut, Miriuta war menschlich eine Katastrophe. Fachlich war er auch nicht die Bombe, aber schlimmer war, wie er mit den Spielern umgegangen ist, wie ein Diktator. Beim gemeinsamen Frühstück mit der Mannschaft etwa mussten alle Spieler und das Trainerteam zwei Scheiben Brot mit Käse essen, nur Herr Miriuta hat sich Spiegeleier und Rühreier bestellt. Das mag für Außenstehende ein banales Beispiel sein, aber als Spieler fragt man sich schon, was das soll, schließlich sitzt man ja eigentlich in einem gemeinsamen Boot. Dazu durften wir in der Kabine keine Handys benutzten, in den Pausen nicht Karten spielen. Und auf dem Trainingsplatz hat er beim kleinsten Fehler direkt rumgemeckert, was dazu geführt hat, dass sich im Spiel keiner mehr getraut hat, mal etwas kreatives zu versuchen, ins Risiko zu gehen. Alle haben sich nur noch an seine Vorgaben gehalten, die Mannschaft ist teilweise schon ängstlich ins Spiel gegangen, und dementsprechend waren auch unsere Leistungen. In meinen Augen war er das beste Beispiel, wie ein Trainer nicht sein sollte.