Karriererückblick mit Torsten Mattuschka

»Das Derby war der Höhepunkt bei Union«

Obwohl Sie bei einem damaligen Erst-und späteren Zweitligisten unter Vertrag standen, wechselten Sie 2005 in die Oberliga (damals vierte Liga) zu Union Berlin. Warum?

Ich habe zwar in der ersten Mannschaft von Energie trainiert, bin dort aber nur selten zum Einsatz gekommen. Heute wäre das sicherlich anders, aber damals war es – vor allem unter Ede – für junge Spieler schwer. Gerade auf meiner Position als Mittelfeldspieler ist es aber wichtig, mal sechs oder sieben Spiele am Stück zu machen, um in den richtigen Rhythmus zu kommen. Die Möglichkeit habe ich damals in Cottbus nicht mehr gesehen, dazu lief mein Vertrag aus, und dann kam mein Berater mit dem Angebot von Union um die Ecke.

Die Köpenicker hatten damals zwei Abstiege in Folge hinter sich.

Das Angebot hat mich trotzdem sofort gereizt. Union hatte damals eine neu zusammengestellte, richtig geile Truppe, dazu wollten alle im Verein wieder aufsteigen. Als beim ersten Training dann – wohlgemerkt in der Oberliga - über zweitausend Zuschauer da waren, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die ganze Saison war dann der Wahnsinn, mit dem 8:0-Sieg über Hohenschönhausen (BFC Dynamo, Anm. der Red.) als absoluten Höhepunkt, auch wenn mir die Bedeutung dieses Spiels für die Fans erst im Nachhinein so richtig klar geworden ist. Davon erzählt man sich ja an der Alten Försterei noch heute.

Ihr erstes Jahr bei Union war sowohl für den Verein, als auch für Sie persönlich sehr erfolgreich. Anders sah es in der zweiten Saison aus. Sie kamen kaum noch zum Einsatz, schossen in der Regionalliga kein einziges Tor. Gab es in dieser Phase Momente, wo Sie Zweifel hatten, ob es wirklich zum Profi reicht?

Absolut, in der Saison 2006/2007 stand das total auf der Kippe. Ich kam unter dem damaligen Trainer Christian Schreier wenig zum Einsatz und mein Vertrag lief am Saisonende aus. Dazu war ich auch körperlich nicht fit, weil wir unter Schreier ziemlich locker trainiert haben. Es gab zum Beispiel kein Spielersatztraining für die Spieler, die am Wochenende auf der Bank saßen. Das ist normalerweise am Tag nach einem Pflichtspiel üblich, damit man ungefähr auf das Niveau und die Belastung der Jungs kommt, die 90 Minuten auf dem Platz standen. Bei Schreier haben wir uns aber immer erst am Dienstagnachmittag wieder getroffen. Das war zwar auf der einen Seite cool, weil man vier Tage frei hatte, aber meiner Kondition hat das alles andere als gut getan. Und wenn ich dann mal ran durfte, war ich nach einer Halbzeit platt.

Nach der Saison hat Schreier den Verein dann verlassen, Uwe Neuhaus wurde Trainer bei Union. Der nächste Glücksfall in Ihrer Karriere?

Absolut. Erstmal habe ich aber dem damaligen Sportdirektor Christian Beeck zu verdanken, dass ich überhaupt noch einen Vertrag bei Union bekommen habe. Wir kannten uns schon aus Cottbus, deshalb hat er bei Uwe ein gutes Wort für mich eingelegt. Was ich dann im Endeffekt unterschrieben habe, war finanziell allerdings eine Katastrophe. Vom Grundgehalt alleine hätte ich nicht leben können, ich war auf die Punktprämien angewiesen. Mein Berater meinte aber zu mir: »Tusche, entweder du machst das jetzt, kneifst ein halbes Jahr die Arschbacken zusammen und versuchst, den Trainer zu überzeugen – oder du kannst nach Dissenchen zurück gehen und als Maler und Lackierer arbeiten.« Klar, das war natürlich noch mal ein richtiger Schock für mich. Beim ersten Training unter Uwe habe ich dann alles reingehauen, und danach kam er zu mir und sagte: »Tusche, ich habe richtig Bock auf dich – wenn du fit bist, wirst du bei mir immer spielen. Und wenn Du nicht Gas gibst, trete ich dir in den Hintern!«.

War Neuhaus für Sie der prägendste Trainer in Ihrer Laufbahn?

Definitiv, er hat mich von allen Trainern, die ich hatte, am weitesten gebracht - sowohl als Fußballer, als auch als Mensch. Dazu kommt, dass er immer wusste, wie er mich zu packen hat, damit ich an meine Leistungsgrenze gehe – weil ihm klar war, dass ich ein Typ bin, der auch gerne mal einen Schritt weniger macht, wenn er sich zu sicher fühlt. Dass wir dann aber zweimal aufsteigen, den Verein in der Zweiten Liga etablieren und ich Oberbauer vor 75000 Zuschauern im Derby gegen Hertha das entscheidende Tor mache – das hätte ich natürlich trotzdem niemals für möglich gehalten.

Das Derby gegen Hertha - der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Auf jeden Fall der unvergesslichste Moment. Wir waren im Spiel klar unterlegen, Maikel Aerts im Hertha-Tor hätte meinen Freistoß eigentlich halten müssen – aber das war wieder so ein Tag, wo das Glück auf unsere Seite war, warum auch immer. Ein paar Tage nach dem Spiel habe ich mit unserem anderen Torschützen Mossi (John Jairo Mosquera, Anm. der Red.) bei einer Veranstaltung vier Stunden lang Autogramme geschrieben, da waren Tausende Menschen, unglaublich! Noch heute werde ich auf dieses Tor angesprochen, und ich glaube, von unserer Wäschefrau Elly bis zu unserem Präsidenten wird niemand im Verein diesen Sieg je vergessen. Und ich freue mich darauf, meinen Enkeln eines Tages zu erzählen, was der dicke Opa so gemacht, als er jünger war. (lacht)