Karriererückblick mit Torsten Mattuschka

»Ich hatte nie ein Sixpack, ich hatte immer mein Onepack«

Er wog hundert Kilo und spielte in der siebten Liga, ehe Ede Geyer ihn in die Bundesliga holte. Dann ging er zu Union Berlin, wo er trotz Plauze zur Vereinslegende avancierte. 2018 beendete Torsten Mattuschka seine Laufbahn endgültig – Anlass genug für den großen Karriererückblick.

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Herr Mattuschka, Anfang der 2000er-Jahre arbeiteten Sie in Brandenburg als Maler und Lackierer, wogen 100 Kilo und spielten in der siebten Liga. Kurz darauf liefen Sie in der Bundesliga auf. Wie zur Hölle konnte das passieren?

Mattuschka: Es waren nicht hundert, sondern 98! (grinst) Ich habe damals meine Ausbildung in einer Malerfirma gemacht, die gleichzeitig Hauptsponsor beim Amateurclub SV Dissenchen aus Cottbus war und Fußballer eingestellt hat. Das war der Grund, warum ich den Ausbildungsplatz bekommen habe, denn in der Schule war ich nie besonders gut. Während andere also fünfzig Bewerbungen schreiben mussten, habe ich pro forma eine abgegeben und dank meines Spielerpasses war dann klar, dass ich die Lehrstelle bekomme. (lacht) Wir waren dann unter der Woche immer in Berlin auf Montage, haben maximal ein Mal die Woche trainiert und ansonsten jeden Abend gesoffen. Am Wochenende stand ich oft mit Restalkohol auf dem Platz, aber für die siebte Liga hat es noch gereicht.

Sie schossen für Dissenchen in 100 Spielen 100 Tore und machten somit Energie Cottbus, für die Sie schon in der Jugend gespielt hatten, auf Sie aufmerksam.

Mein Glück war, dass die zweite Mannschaft von Energie damals auf dem Gelände von Dissenchen trainiert hat. Mein Opa hat den damaligen Trainer so lange genervt, bis ich bei einem Testspiel von Energie im Stadion der Freundschaft mitspielen durfte. Da war ich dann ganz gut, habe ein Tor geschossen und zwei vorbereitet...

... und Thomas Reichenberger schockiert.

(lacht laut) Ja, definitiv. Ich bin damals direkt von der Arbeit ins Stadion gefahren, habe in der Kabine gewartet, und dann kam Tommy Reichenberger rein. Er hatte damals schon für Frankfurt und bei Bayer Leverkusen gespielt, war ein gestandener Bundesligaprofi und sollte zu Cottbus wechseln. Und der sieht mich dann da mit Glatze, Piercings und 98 Kilo auf den Rippen in Malerklamotten sitzen und hat sich in diesem Moment definitiv gefragt, mit was für Johnnys er jetzt zusammen spielen muss. Aber er hat sich von dem Schock mittlerweile erholt, denn wir sind seitdem immer noch in Kontakt und gut befreundet. Das ist ein ähnlicher Typ wie ich, ein bisschen bekloppt im Schädel, aber für jeden Spaß zu haben.

Zurück zu Ihrem Probespiel bei Energie. Was geschah dann?

Nach dem Spiel kam der damalige Trainer Ede Geyer zu mir und meinte (imitiert sächsischen Dialekt): »Sag mal Torsten, du könntest mit Fußballspielen Geld verdienen, da müsstest du aber noch ein bisschen abnehmen«. Da hat es dann bei mir klick gemacht, da habe ich erst so richtig realisiert, was das für eine Chance für mich sein könnte. Ich wollte aber erstmal meine Lehre beenden, was ich dann auch gemacht habe, und ein halbes Jahr später bin ich zur zweiten Mannschaft von Cottbus gewechselt. Ich war zwar zu dieser Zeit drei Monate gesperrt, was aber ganz gut war, weil ich dadurch erst einmal abnehmen und mich an die neue Trainingsintensität gewöhnen konnte. Wir haben fünf bis sechs Mal die Woche trainiert, das war schon was anderes als bei Dissenchen. Nachdem die Sperre dann abgelaufen war, habe ich bei den Amateuren jedes Spiel gemacht und durfte auch beim einen oder anderen Freundschaftsspiel der Profis mitspielen.

Nach der Saison hat Ede Geyer Sie dann dauerhaft in die erste Mannschaft geholt.

Moment, so einfach war das nicht! Er hat mich in sein Büro gerufen und mir gesagt: »Torsten, wenn du in den nächsten vier Wochen zehn Kilo abnimmst, darfst du mit ins Trainingslager«. Diese vier Wochen waren echt hart, ich habe teilweise gar nichts mehr gegessen, nur Wasser getrunken. Aber beim Trainingsauftakt am 1. Juli wog ich dann 82,3 Kilo und durfte tatsächlich mit. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich in dieser Zeit auch verdammt viel Glück hatte: Einerseits dass mein Opa so einen guten Draht zum damaligen Trainer der Cottbusser Amateure hatte, aber auch, dass ich in den Testspielen funktioniert habe und natürlich, dass Ede für mich der richtige Trainer zur richtigen Zeit war. Wenn bei Energie damals ein anderer Coach auf der Bank gesessen hätte, der nicht auf mich gesetzt hätte, wäre vielleicht alles ganz anders verlaufen. Und heutzutage wäre ein solcher Einstieg wahrscheinlich völlig undenkbar. Wenn heute jemand mit zehn Kilo Übergewicht bei einem Bundesligisten zum Probetraining aufkreuzen würde, würde man ihm den Vogel zeigen und ihn dann freundlich raus begleiten.