Just Fontaine im großen Karriere-Interview

»Ich lief wie Jesus übers Wasser«

Mit 13 Treffern bei der WM 1958 stellte er einen Rekord für die Ewigkeit auf. Doch auch als Nationalcoach und Fußball-Gewerkschafter setzte der 81 Jahre alte Franzose Maßstäbe.

Christiane von Enzberg

Just Fontaine, Sie kamen in Marrakesch zur Welt und wurden eine französische Fußball-Legende.
Ich war das vierte von sieben Kindern. Mein Vater stammt aus der Normandie, meine Mutter aus Spanien, so gesehen bin ich Durchschnittsfranzose. Aber mein Vater leistete seine Militärzeit in Marokko ab und war dort später bei einem Tabakkonzern angestellt.

Wie müssen wir uns die dreißiger und vierziger Jahre in Marokko vorstellen?
Meine Kindheit in Marrakesch war wunderbar. Das Wetter war herrlich, wir machten die ganze Zeit Sport. Wir kickten oft in einem Kirchhof, und dabei gingen auch mal Fenster zu Bruch. Das war zwar nicht sehr katholisch, aber sie ließen uns gewähren. Um unsere Technik zu trainieren, wickelten wir Münzen in Papier ein und spielten mit ihnen.

Spielten Sie damals schon für einen Verein?
Für den AS Marrakesch. Ich übersprang zwei Altersklassen und spielte als Jugendlicher bei den Herren. Schon dort gelang mir ein erster Rekord: Gegen Oujda erzielte ich zwei Tore in einer Minute.

Wann wussten Sie, dass Fußball mehr als ein Hobby sein würde?
Wegen einer Sache, die ich nicht zu verantworten hatte, flog ich von der Schule. So fügte es sich, dass ich zu Union Sportive Marocaine nach Casablanca wechseln konnte, wo Mario Zatelli und Larbi Ben Barek, meine Vorbilder, gespielt hatten. Der Verein bezahlte die Ausbildung, ließ mich im Stadion wohnen und schickte mich auf das berühmte Lycée Lyautey.

Ein Großteil von Marokko stand damals unter französischem Protektorat. Wie sehr fühlen Sie sich als Marokkaner?
Zu einem gewissen Teil durchaus. Ich habe schließlich in marokkanischen Auswahlteams gespielt, war marokkanischer Meister und Torschützenkönig und habe 1952 die Nordafrika-Meisterschaft mit US Marocaine gewonnen. Und ich spreche Arabisch – zumindest die geläufigsten Wörter und Beleidigungen.(Lacht.)

Von 1979 bis 1981 kehrten Sie als Nationaltrainer nach Marokko zurück.
Ich wollte etwas zurückgeben, doch es misslang.

Was war los?
Wir spielten in der Qualifikation zur WM 1982. Und wen verpflichten die Verantwortlichen als Testspielgegner vor dem entscheidenden Match gegen Kamerun? Senegal! Ein Team, das wir gerade rausgeworfen hatten. Diese Arschlöcher! Das war kein Freundschaftsspiel, das war Krieg! Und nach der Partie fanden wir einen meiner Spieler ertrunken im Pool des Hotels: Mustapha, einen sehr guten Linksaußen. Wir mussten uns um seine Frau kümmern, Geld sammeln, und so qualifizierten wir uns am Ende nicht für die WM. Außerdem quatschte mir der damalige Sportminister Marokkos in die Aufstellung. Ich schickte ihm ein Telegramm: „Sie haben mir freie Hand gegeben, aber nun stelle ich fest, dass meine Hand gar nicht frei ist.“ Danach reichte ich meine Kündigung ein.

Zurück zu Ihrer Laufbahn: Anfang der Fünfziger nahm der OGC Nizza Kontakt zu Ihnen auf.
Mario Zatelli, der Trainer in Nizza war, kam zum Spiel zwischen Marokko und einer Auswahl von Oranien (Region im Nordwesten Algeriens, d. Red.). Ich spielte mit meiner Jugendmannschaft im Vorprogramm. Wir gewannen 2:0, ich schoss ein Tor mit rechts aus 25 Metern und eins mit links. Zatelli erklärte: „Den Kleinen nehme ich euch in zwei Jahren ab.“ So kam es. Und alle, die für meinen Schulverweis verantwortlich waren, insbesondere mein Englischlehrer, schrieben mir, um mich zu beglückwünschen.

Nebenher mussten Sie Ihren Militärdienst ableisten.

Im November 1954 rückte ich beim Sportbataillon Joinville in der Nähe von Paris ein – für 30 Monate. Ich wurde Kapitän und Spielertrainer des Armeeteams, das später die Militärweltmeisterschaft gewann. Parallel spielte ich in Nizza, obwohl mich die ständige Fahrerei im Nachtzug schlauchte. Aber wenigstens musste ich nicht wie meine Brüder in den Algerienkrieg ziehen.