Julian Schuster im Interview

Werte als Gemeinschaft vorleben

Auch Trainer leben diese Nähe in Freiburg vor. Drei Jahre spielten Sie unter Robin Dutt, seit fünf Jahren ist Christian Streich Ihr Trainer. Worin unterscheiden sich die beiden?
Ich konnte mir von beiden Trainern Dinge herauspicken, die mir in meiner Entwicklung sehr geholfen haben. Robin Dutt war zu seiner Zeit unglaublich modern und der Zeit voraus. Power-Point-Präsentationen, Videos vor und nach den Spielen, aber auch das Thema Ernährung wurde sehr detailreich und intensiv in die Abläufe einbezogen. Damit hatten wir damals sicherlich einen Vorteil gegenüber anderen Teams. Christian Streich ist schon so viele Jahre im Geschäft. Eine sehr große Stärke ist, dass er sich mit den Spielern individuell auseinandersetzt. Er besitzt den Antrieb und auch das Gespür dafür, jeden Spieler – nicht nur von eins bis elf – besser zu machen. Das beeindruckt mich einfach.

Herr Schuster, Themenwechsel. Über den Mord an der Studentin Maria L. wird zurzeit sehr viel diskutiert. Christian Streich äußerte sich dazu unmissverständlich und warnte vor der Generalverurteilung von Menschen. Wie ist die Mannschaft mit der Situation umgegangen?
Natürlich ist es ein sehr präsentes Thema, die ganze Stadt redet darüber. Der Tatort ist nur dreißig Meter von unserem Trainingsplatz entfernt, auf dem angrenzenden Weg joggten wir mit oft mit der Mannschaft vorbei. Plötzlich geschieht so eine schreckliche Sache nicht irgendwo, sondern sie berührt einen direkt vor der Haustüre. Gerade deshalb hat der Trainer aber die absolut richtigen Worte gefunden. Man muss solche Dinge bei aller Emotionalität differenziert betrachten. Da stehen wir als Mannschaft in der Verantwortung, das auch so zu kommunizieren und vorzuleben. Das tun wir, so gut es nur geht.

Streich sagte einmal, er wolle mündige Spieler. Sollten Fußballer nicht generell stärker ihrer Vorbildfunktion nachkommen und gegen Fremdenhass aufstehen?
Das Wichtigste überhaupt ist, dass man Weltoffenheit auch vorlebt. Das geht natürlich nur mit einer inneren Haltung und einer persönlichen Überzeugung. Ja, Interviews können das vielleicht unterstützen. Trotzdem glaube ich an die Kraft des Fußballs selbst, die wir als intakte Mannschaft, mit Spielern aus unterschiedlichen Ländern und Schichten, Wochenende für Wochenende als Gemeinschaft vorleben können. Wir können zeigen, wie ein Miteinander geht.

Kommen wir zum sportlichen Teil. Am Wochenende trifft der SC Freiburg in Gelsenkirchen auf Schalke 04. Wie wird der SC dort auftreten, auch hinsichtlich der vielen Schalker Ausfälle in der Defensive? 
Auch wenn die Schalker ein paar Ausfälle haben – ihr Kader ist breit genug, um genügend Qualität auf den Platz zu bringen. Vor allem zu Hause spielen sie mit ihren Fans im Rücken auch schnell mal mit dem »zwölften Mann«. Wir müssen versuchen, es so wie bei unserem letzten Auswärtsspiel in Leverkusen zu machen, wo wir die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sehr gering gehalten haben. Gegen Darmstadt ist uns das nicht gut gelungen, weshalb wir zu viele Chancen zugelassen haben. Gegen Schalke gilt es das unbedingt zu vermeiden. 

Julian Schuster, wo steht der SC Freiburg am 34. Spieltag?
Ich hoffe einfach, dass wir die Liga halten können. Es ist schon deshalb keine Selbstverständlichkeit, weil es unglaublich spannend zugeht. Das ist aber auch das Schöne: Es gibt Ausreißer nach oben, die man vor der Saison nicht für möglich gehalten hätte und Mannschaften, die plötzlich und unerwartet unten drinstehen. Solche Überraschungen wie Darmstadt letztes Jahr – so etwas finde ich super. Das ist es, was die Bundesliga ausmachen sollte.