Julian Baumgartlinger über Mainz und Jugendträume

»Ich wäre Zehnkämpfer geworden«

Julian Baumgartlinger vom FSV Mainz 05 gilt als einer der laufstärksten Spieler der Bundesliga. Ein Gespräch über Staubsauger, Tobsuchtsanfälle und Andrés Iniesta.

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Julian Baumgartlinger, Ihre Position bezeichnet man oft als »Staubsauger«. Das klingt ziemlich trocken. Was begeistert Sie an diesem Job?
Die Position entspricht meiner Mentalität, und ich finde auch nicht, dass die Aufgabe trocken ist. Im Gegenteil: Ich will immer am Geschehen sein. Also dort sein, wo der Ball gerade ist – offensiv und defensiv.

Die Lust am Zweikampf spielt keine Rolle?
Auf keinen Fall. Zweikämpfe sind nur Mittel zum Zweck. Ich will den Ball haben.

Dennoch: Als Staubsauger werden eher eiserne Zweikämpfer der alten Schule bezeichnet. Sind Sie ein klassischer Staubsauger?
Nein. Denn ich spiele eine wichtige Rolle im Spielaufbau. Ein defensiver Mittelfeldspieler moderner Prägung darf im Angriffsspiel nicht unbeteiligt sein, sondern hat viele Ballkontakte und ist dafür verantwortlich, dass der Ball in die Spitze gelangt.

Ein Sechser steht seltener im medialen Rampenlicht als etwa ein Torjäger oder Spielmacher. Wird Ihre Arbeit ausreichend gewürdigt?
Mittlerweile schon. Ein Sechser ist eben nicht mehr ein bloßer Balleroberer, sondern die unabdingbare Schaltzentrale. Und dadurch hat die Position in den letzten Jahren eine Aufwertung erlebt.

Sie wünschen sich also nicht mehr Anerkennung?
Nein, denn sie ist da. Ein wenig mehr würde ich natürlich bekommen, indem ich noch mehr Offensivakzente setze – mehr Tore vorbereite und selbst schieße.

In der aktuellen Saison haben Sie noch kein Tor vorbereitet oder geschossen. Warum schießen Sie nicht öfter aufs Tor?
Ich spielte in dieser Saison bisher meistens eine defensive Rolle. In der Rückrunde
wurde ich offensiver aufgestellt und kam dadurch natürlich öfter in Schussposition. Aber es lässt sich nicht von einen auf den anderen Tag sagen: »Okay, heute geht es darum, dass ich zu vielen Abschlüssen komme.« Ich habe immer den besser postierten Mann im Hinterkopf und will lieber einen guten Pass spielen, als überhastet abzuschließen.

Nehmen Sie sich doch mal Mut.
Man kann es natürlich aus 35 Metern probieren. Das ist mir aber zuwider, weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass aus der Distanz ein Tor fällt. Wenn ich aber näher vor dem Tor abschließen kann, denke ich mittlerweile schon öfters an den Abschluss. Nur danach wäge ich meistens ab, ob nicht ein Pass klüger wäre. Das habe ich mir so angewöhnt und deshalb kommen noch nicht ganz so viele Torschüsse zustande.

Sagt denn Ihr Trainer Martin Schmidt, dass sie öfter den Abschluss suchen sollten?
Ja, natürlich. Das ist Teil der Spielanalyse. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich sehe mir meine Spiele auch immer selber an und denke mir bei der einen oder anderen Szene: »Okay, da hättest du eigensinniger sein können.«

Sie sehen sich jedes Spiel von sich an?
Ja, selbstverständlich. Ich finde das wichtig. Videoanalysen gehören zur Trainingsarbeit. Das habe ich in den mittlerweile fast vier Jahren bei Mainz gelernt.

Aber das ist eine Fleißaufgabe, wenn Sie sich das Spiel zusätzlich zur gemeinsamen Videoanalyse noch detailliert zu Hause ansehen. Machen das Ihre Mannschaftskollegen auch?
Das weiß ich nicht. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er das macht.

Sie sind oft der Spieler auf dem Feld, der die meisten Kilometer zurücklegt. Worauf beruht Ihre Ausdauer?
Mittlerweile liegt es am Spielrhythmus. Am Anfang einer Saison tun 90 Minuten noch mehr weh als in der Mitte einer Saison. Irgendwann wird das Laufpensum selbstverständlich. Die zurückgelegten Kilometer sind für mich aber nicht die wichtigste Statistik. Für mich zählt vor allem, dass ich einen Schritt mehr gemacht habe als mein Gegenspieler und dass ich in den Zweikämpfen spritziger war.

Sie verfolgen also die Spielstatistiken der gegnerischen Mannschaften?
Das bietet mir einen Anhaltspunkt. Wenn ich in einem Spiel das Gefühl gehabt habe, nicht in die Zweikämpfe gekommen zu sein, kann mir das die Statistik bestätigen oder widerlegen. Ich muss aber dazu sagen: Statistik ist auch nicht mehr als das. Ein Kopfballduell im eigenen Strafraum, das man haarscharf gewinnt und damit ein Tor verhindert, wird als Fehlpass gewertet, wenn man den Ball danach klärt.

Welcher Bundesligaspieler ist denn fitter als Sie?
Das ist schwer zu messen. Es sind alle auf einem Top-Niveau.

Aber es gibt doch bestimmt jemanden, der Sie fasziniert.
Der Einzige, bei dem es mir aufgefallen ist, dass er unfassbare Werte hat, ist Vladimir Darida vom SC Freiburg. Es gibt aber bestimmt andere Spieler mit genauso guten Werten.