Johnny Rotten über Arsenal, Podolski und Stehplätze

»Was iss’n das für ein Vogel?«

In Ihrer Biografie schreiben Sie: »Fußball ist das Theater der Emotionen, nicht der Träume.«
Fußball sollte wie ein Konzert sein – spontan, wild, anarchisch, und wenn mal was schiefgeht, scheiß drauf. Ganz ehrlich: Ich habe auch keine Ahnung von Taktik. Ist mir scheißegal. Dieses Philosophieren über Fußballsysteme ist eine Seuche und eine Erfindung des Mittelstandes. Ich will, dass jeder überall spielen kann. Und genau so war es früher auch: Der Fußball war nicht vorhersehbar, es war ein unperfektes Spiel.

Die Leute lieben offensichtlich die Perfektion, viele Stadien sind heute ausverkauft.
Aber wer sitzt da? Ausschließlich Besserverdienende. Im Gegensatz zu früher, als alle gemeinsam ins Stadion gingen: Reiche, Arme, Schüler, Studenten, Arbeitslose, sogar Greise, die zwei Weltkriege überlebt hatten. Wenn wir damals kein Geld hatten, hoben uns die Älteren über den Zaun – und selbst wenn die Ordner das mitbekamen, drückten sie ein Auge zu. Unvorstellbar heutzutage.

Fußball war in den Siebzigern in England aber auch gefährlicher als heute. Hatte Ihr Vater nie Angst um Sie?
Er fand immer, dass ich meine eigenen Erfahrungen machen sollte. Natürlich gab es oft Kloppereien, auch während eines Spiels. Ich beobachtete das zu Beginn aus sicherer Entfernung, gleichzeitig fasziniert von den Fahnen, Farben, dem Lärm, den Gerüchen, der Spannung und auch ein bisschen von dieser besonderen Ästhetik der Gewalt, von diesem »Heimspiel! Niemand wird unsere Kurve einnehmen!«-Ding. Es war wie ein Albtraum, es war Anarchie, es war Krieg – nur ohne Waffen.

Wie ging man als junger Fan Schlägereien zwischen Hooligan-Firms wie den »Headhunters« und den »Gooners« aus dem Weg?
London war in den Sechzigern und Siebzigern eine Stadt voller Dörfer. Wenn du mit einem Arsenal-Schal ins falsche Viertel gelaufen bist, gab’s Stress. Also hat man das vermieden, wenn man keinen Ärger wollte.

Und Sie?
Junger Freund, ich bekam oft Ärger. Ich war ein Typ, der Ärger anzog. Ein wütender junger Mann. Wir hingen früher oft in der Kings Road in Chelsea ab, im Klamottenladen von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren. Dort kamen immer wieder Hooligan-Firms vorbei und suchten Randale. Ich weiß noch, wie einmal eine Horde Nottingham-Forest-Hools den Laden stürmen wollte. Ich stellte mich vor sie und regelte das. Als ich wieder reinkam, stammelte Vivienne: »Du sollst doch nicht solche Leute anschleppen.« Als hätte ich denen empfohlen, den Laden auseinanderzunehmen. Ach, Vivienne!

Für ein Punk-Image waren solche Auseinandersetzungen doch eigentlich förderlich.
Besonders die Kämpfe mit der Polizei. Die waren damals wirklich brutal. Ich erinnere mich noch, wie mich einmal ein Beamter aus dem Stadion prügelte. So etwas war für einen jungen Fan wie eine Medaille.

Was war passiert?
Wollen Sie, dass ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede und mir nachträglich ein Verfahren aufhalse? Zum Mitschreiben für alle: Ich war unschuldig, Officer! (Lacht.)

Waren Sie mal mit Ihrem Bandkollegen Sid Vicious bei Arsenal?
Einmal, im tiefsten Winter. Dazu muss man wissen, dass Sid damals gerne eine Frisur wie David Bowie gehabt hätte. Allerdings toupierte er sich seine Haare nicht mit Haargel, sondern entwickelte dafür eine ganz eigene Methode: Er steckte seinen Kopf in einen vorgeheizten Küchenofen, damit die Haare hart wurden. Dazu noch das obligatorische ärmellose Hemd. So sind wir dann, bei Minusgraden, Richtung Highbury gelaufen, und um uns herum standen die ganzen Gooners-Hools und fragten: »Was iss’n das für ein Vogel?« Ich sagte: »Das ist Sid, dem kann die Kälte nichts anhaben.« Das fanden sie dann wiederum ganz imposant.

Wer waren die Arsenal-Helden Ihrer Jugend?
Charlie George, schon wegen seiner langen Haare, die wirr vom Kopf hingen. Aber auch Bob Wilson. Er spielte von 1963 bis 1974 für den FC Arsenal. Ein brillanter, mental unfassbar starker Torhüter. Oder John Radford, der Torjäger meiner Jugend, und später Ian Wright, Thierry Henry oder Dennis Bergkamp. Eines meiner größten Idole spielte aber nie für Arsenal.

Sondern?
Für Manchester United – Georgie Best. Für mich war es immer sehr hart, wenn wir gegen Manchester spielten, denn einerseits sah man so einem wie Best gerne beim Fußballspielen zu, andererseits nahm er die Arsenal-Defensive regelmäßig auseinander. Wir wirkten neben ihm wie Idioten.

Gab’s keinen Ärger in der Arsenal-Kurve, wenn Sie von Best schwärmten?
Ich werde das oft gefragt, und ganz ehrlich: Ich finde so eine Haltung dumm. Man kann doch Spieler von anderen Teams trotzdem für ihr Können oder ihre Tore bewundern. Georgie habe ich übrigens auch mal kennengelernt.

Auf einem Ihrer Konzerte?
In einem Nachtclub, wo sonst? Es muss irgendwann Ende der Siebziger gewesen sein, damals ging es meiner Mutter ziemlich schlecht – bei ihr wurde Krebs diagnostiziert –, und sie bat mich, mit ihr zu einem Konzert von Gary Glitter zu gehen. Glitter erfuhr, dass wir im Publikum waren, und lud uns zur Aftershowparty in den Nightclub »Tramp« ein. Der erste Typ, den wir dort sahen, war Georgie Best – an der Bar. Meine Mutter war total überwältigt, auch wenn er betrunken war. Sie liebte ihn, vor allem seine Haare. Damals war die Hochphase der Skinheads, viele Glatzen, gerade in unserer Gegend. Und dann war da dieser Typ, der die Haare wellig über seine Schultern trug und trotzdem kein Hippie war. Georgie hatte verdammt noch mal Stil.

Sind je Spieler zu Ihren Konzerten gekommen?
Stuart Pearce und Gareth Southgate waren mal bei einem Sex-Pistols-Gig, irgendwann 1996, als wir wieder auftraten. Die beiden waren allerdings heimlich da, weil sie eigentlich beim Training der englischen Nationalmannschaft sein sollten. Ein geiles Gefühl.

Es kam nie raus?
Natürlich kam es raus. Der Trainer – ich glaube, es war Glenn Hoddle – war stinksauer. Pearce und Southgate sagten nur: »Scheiß drauf! Das Konzert war es wert.«