Johnny Rotten über Arsenal, Podolski und Stehplätze

»Ich kann nicht sitzen, ich habe Hämorrhoiden«

Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols und Public Image Ltd., ist seit den frühen Sechzigern Fan des FC Arsenal. Im Emirates war er aber noch nie.

Foto: David Black
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Johnny Rotten, stimmt es, dass Sie noch nie im Emirates Stadium waren?
Was soll ich da? Du darfst als Fan heutzutage nichts mehr. Nicht rauchen, nicht trinken, nicht schimpfen, du darfst nicht einmal stehen. Das ist doch scheiße.

Der Schriftsteller und Arsenal-Fan Nick Hornby schrieb mal von einem Freund, der früher ein besonderes Ritual bei Rückständen hatte: Er hat sich eine Zigarette angemacht und das Ganze »Tor reinrauchen« genannt.
Ich hatte so was nie, aber ich kann das gut nachvollziehen. Auf den Tribünen sollst du machen dürfen, was du willst. Auch Dinge, die andere bescheuert finden.

Schauen Sie sich überhaupt noch Arsenal-Spiele an?
Im Fernsehen. Ich lebe ja mittlerweile in Los Angeles und muss jeden Samstagmorgen meinen Kumpel Rambo anrufen, um ihn zu fragen, wann es losgeht. Dann beginnt die Suche nach dem Sender im Satellitenfernsehen.

Los Angeles Galaxy ist keine Alternative?
Soccer? Verdammt, nein! Es heißt Football! Wissen Sie, ich habe sogar noch eine Arsenal-Dauerkarte, aber ich gebe sie an meine Neffen weiter. Wenn ich in England bin, gehe ich zu kleinen Klubs wie Torquay United oder in den Pub und pöbele dort mit den anderen Verrückten rum. Das ist Fußball! 2011 war ich zuletzt bei einem großen Spiel im Stadion. Damals fand im Wembley das League-Cup-Finale zwischen Arsenal und Birmingham statt. Weil ich stand, forderte mich ein Ordner auf, ich solle mich umgehend hinsetzen. Ich sagte: »Guck dir die Birmingham-Fans an, die stehen auch alle.« Danach verschwand er.

So einfach geht das?
Nun, er kam wenige Minuten später zurück, im Schlepptau ein paar weitere Ordner. Sie drohten, mich aus dem Stadion zu schmeißen, wenn ich mich nicht setzen würde. Ich antwortete: »Ich habe Hämorrhoiden. Wenn Sie mir kein Hämorrhoiden-kompatibles Kissen besorgen, muss ich leider weiter stehen.« Dann drohte ich ihnen mit einem Anwalt, und schließlich ließen sie mich in Ruhe.

In England wird seit Jahren die Wiedereinführung von Stehplätzen diskutiert. Anscheinend ganz in Ihrem Sinne, oder?
Fußballgucken kann man nicht im Sitzen. Schauen Sie sich doch mal die Dortmunder Südtribüne an, alle stehen, alle schreien, ein Lärm, als wäre die Tribüne der Rachen eines riesigen Monsters. Das ist fantastisch. Wenn du beim Fußball sitzt, hast du nicht mehr das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein. Dann ist Fußball wie Tennis. Oder wie eine Mathestunde in der Schule. (Pause.) Das regt mich wirklich auf.

Merkt man.
Das Schlimme an der ganzen Sache ist ja auch: Das Stehplatzverbot in England basiert auf einer Fehlanalyse der Hillsborough-Katastrophe im Jahr 1989. Damals starben 96 Menschen. Schlimm, natürlich. Nur die Schuld wurde damals den Fußballfans gegeben. Eine Untersuchungskommission fand über 20 Jahre später heraus: zu unrecht. Die eigentliche Schuld der Polizei und der Sicherheitskräfte sowie die Hintergründe wurden erfolgreich vertuscht.

Wie war es als Fan im Highbury-Stadion Anfang der Sechziger?

Ich wuchs in der Benwell Road auf. Genau dort, auf unser Haus, haben sie später dieses unsägliche Emirates-Stadion gebaut. Heute ist dort alles supermodern und superschick, damals war es ein hartes Pflaster. Jugendliche und Halbstarke, die durch die Trümmergrundstücke streunten. Es roch immer nach Stress. Aber das war natürlich auch aufregend für einen Heranwachsenden wie mich. Es war vor allem viel familiärer als heute.

Sie meinen aggressiver?
Nein, familiärer. Jeder kannte jeden. Wenn ich damals in der Schoolboy Section und später in der Singing Section im North Bank stand, sah ich nur Freunde, Nachbarn und Bekannte um mich herum. Wir standen da, zwei Stunden vor Spielbeginn, warteten auf die Spieler, ganz so, wie ich später auf meine Lieblingsbands in irgendwelchen Musikclubs gewartet habe. Und nicht nur das: Unsere Väter hingen mit all den Arsenal-Legenden ab. Mit Spielern wie Charlie George, der ja auch in Highbury beziehungsweise Islington aufgewachsen ist und mit einigen Fans noch die Schulbank gedrückt hatte. Nun waren die einen eben Schweißer oder Dockarbeiter geworden und die anderen Fußballprofis. Das hielt sie aber nicht davon ab, nach den Spielen gemeinsam in die Pubs zu gehen, gemeinsam zu rauchen, zu trinken und eine gute Zeit zu haben. Die Fußballer lebten wie wir.

Das Spiel war dementsprechend unprofessionell.
Das war egal, denn es war auch ehrlicher. Erst der Asket Arsène Wenger hat diese Disziplin nach England gebracht.

Sind Sie ein Romantiker?
Vielleicht, obwohl das heute schon wieder kritisch gesehen wird. Früher war natürlich nicht alles besser. Aber vieles.