Joachim Streich über seine Karriere

»Ich habe die Wende verpennt«

Wo haben Sie die Wende erlebt?
Ich habe sie verpennt.

Wie bitte?
Ich hospitierte in jener Woche bei Huub Stevens in Eindhoven. Auf dem Hotel hatte ich keinen Fernseher, und die Bilder der jubelnden Menschen an der Mauer sah ich erst am nächsten Morgen. Lustig war die Rückreise: Weil diverse Flüge wegen Unwetters gestrichen wurden, mussten wir nach Westberlin fliegen. Vom Flughafen Tegel sind wir mit der U-Bahn zur Friedrichstraße gefahren und schließlich zu Fuß durch die Mauer spaziert. »Mensch, Herr Streich. Sie waren auch schon im Westen?«, sagte der Grenzbeamte zu mir.


Als großes Vorbild nennt Streich Hansa-Legende Herbert Pankau. Später bewunderte er Gerd Müller. Sein Traumverein in Deutschland wäre der FC Bayern gewesen. Streich arbeitete bis zu seiner Rente in einem Sportgeschäft in Magdeburg, er lebt mit seiner Frau in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.

Haben Sie sich gefreut?
Ich bin kein Hurra-Typ, aber am Anfang war da eine kleine Euphorie. Ich tuckerte mit meinem korallfarbenen Lada nach Braunschweig, wo ich als Trainer anfangen sollte. Und dann war alles anders.

Waren Sie zu naiv?
Vielleicht. Ich bin auf eine neue Welt gestoßen. Es ging plötzlich viel mehr ums Geld. Schon nach dem ersten Spiel, einem 3:3 gegen Duisburg, unterhielten sich die Spieler über Prämien. In der Kabine sagte einer: »Die erste Kohle ist drin.« Nach neun Monaten wurde ich entlassen. Ich versuchte es noch mal beim FCM und wurde Vertreter für Nike.

Einen Trainerjob übernahmen Sie aber noch. Sie retteten Zwickau vor dem Zweitligaabstieg. Warum haben Sie trotzdem nach einer Saison aufgehört?
Eines Tages saß ich in einem Hotelzimmer und blickte die Wand an. Ich dachte: »Was ist das für ein Leben? Ständig aus dem Koffer leben, während die Familie hunderte Kilometer entfernt lebt.« Ich wollte das nicht mehr, also fing ich in Magdeburg in einem Sportgeschäft an, wo ich bis zu meiner Rente arbeitete.

Der »Gerd Müller des Ostens« wurde Schuhverkäufer. Wie oft mussten Sie Autogramme geben?
Regelmäßig. Aber das war okay für meine Chefs. Sie wussten ja auch, dass durch mich ein paar Kunden mehr in den Laden kamen.

Hätten Sie eigentlich gerne mit Gerd Müller getauscht?
Gerd habe ich immer sehr bewundert. Seine Tore, seinen Willen – er war unglaublich. Ich bin aber sehr zufrieden mit meiner Karriere. Trotzdem: In der Bundesliga hätte ich gerne mal gespielt.

Haben Sie zu Ihrer aktiven Zeit über Flucht nachgedacht?
Einmal. Ich war Ende September 1969 mit Hansa Rostock zu einem Messe-Pokal-Spiel bei Panionios Athen. Bei einem Spaziergang traf ich zwei Mitspieler, die überlegten, die Botschaft der Bundesrepublik aufzusuchen. Letztlich fehlte uns allen aber einfach der Mut.

Das Interview erschien in unserer Rubrik »Der Fußball, mein Leben und ich« (11FREUNDE #176). Für mehr DDR-Fußball: 11FREUNDE DDR-SPEZIAL »Fußball im Wilden Osten«. Jetzt am Kiosk und bei uns im Shop.