Joachim Streich über seine Karriere

»Was wollt ihr eigentlich?«

Dafür holte der BFC Dynamo zwischen 1979 und 1988 zehnmal in Folge den Titel. Machte Fußball da überhaupt noch Spaß?
Ich habe immer gesagt: »Wir werden beschissen.« Es gab aber keine Beweise dafür.

Der BFC war der Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke.
Aber rückblickend muss man auch sagen, dass die Mannschaft stets die besten Spieler hatte.

Weil sie nach Berlin delegiert wurden.
Der Fußballverband hat das entschieden. Aber Sie haben natürlich recht: Mielke saß direkt über dem Fußballverband.

Hatten Sie mal Kontakt zu Mielke?
Glücklicherweise nie.

Und zu anderen Stasi-Mitarbeitern?
Obwohl ich sicherlich kein Vorzeige-DDR-Sportler war – ich rauchte, ich trank –, geriet ich nie in missliche Situationen. Als IM habe ich auch nicht gearbeitet. Nur einmal wurde ich verhört.

Warum?
Im Januar 1989 reisten wir für ein Altherrenturnier nach Saarbrücken. Nach einem Einkaufsbummel waren wir mit dem Team zum Essen verabredet. Einer fehlte: Jürgen Sparwasser. Auch im Hotel war er nicht aufzufinden. Auf seinem Bett lag, fein säuberlich zusammengelegt, sein Trainingsanzug.

Hatte Sparwasser Sie eingeweiht?
Niemand wusste was. Aber natürlich wurden wir nach unserer Rückkehr verhört. Ein Stasi-Mann vor mir, der mir Fragen stellte, einer hinter mir, der mich beobachtete. Eine sehr unangenehme Situation.

Haben Sie nach der Wende Ihre Stasi-Unterlagen geöffnet?
Nein. Das wäre nicht gut.

Sie haben Angst vor der Wahrheit?
Lothar Kurbjuweit, mit dem ich viele Jahre in der Nationalelf gespielt habe, hat Anfang der Neunziger seine Stasi-Akten angefordert. Es hat ihn fertig gemacht. Das wollte ich nicht erleben.

Vor ein paar Monaten wurde bekannt, dass der ehemalige FCM-Präsident Ulrich Kammrad als IM gearbeitet hat, Deckname »Volker Ernst«. Wie haben Sie diese Meldung aufgenommen?
Das höre ich heute zum ersten Mal. (Überlegt.) Das ist natürlich schlimm. Enttäuschend.

Wie würden Sie ihm heute gegenübertreten?
Sehr reserviert. Es ist keine schöne Vorstellung, dass man ausspioniert wurde. Andererseits wissen wir, dass die DDR so aufgebaut war. Alle wurden überprüft. Schrecklich!

Beim Europapokalspiel gegen die Bayern soll die Bayern-Kabine verwanzt gewesen sein. In der Halbzeit übergaben Stasi-Mitarbeiter Udo Latteks Taktikanweisungen an FCM-Trainer Heinz Krügel, der sich weigerte, diese anzunehmen. Er wies auf die sportliche Fairness hin. Später sperrte ihn der DDR-Fußballverband auf Lebenszeit.
Uns wurde das anders kommuniziert. Krügel selbst erklärte, dass er seine Karriere beenden wolle.

Vom Fußballverband hieß es, er habe die Olympiakader nicht genug gefördert.
Krügel war kein linientreuer Typ. Ich fand ihn genial. Er hatte einen eigenen Kopf und Humor hatte. Einmal schoss Manfred Zapf mit dem ersten Schuss im Training ein Traumtor. Er rief Krügel zu: »Trainer, haben Sie gesehen? Ein WM-Tor!« Krügel rief zurück: »Super. Gehen Sie wieder in die Umkleide und lassen Sie sich massieren!« Viele Spieler haben bei seinem Abschied geweint: Zapf, Seguin, ich.Der Krügel war wie ein Vater für uns.

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Vor Ihrem 100. Länderspiel im Wembleystadion schrieb die Zeitung »World Soccer«: »Streich ist ein Phänomen. Er ist der eigentliche Fußballer Europas 1983.« Haben Sie solche Lobeshymnen in der DDR überhaupt mitbekommen?
Selten. Aber einmal, wir hatten in Leipzig 1:1 gegen England gespielt, zitierte die »FuWo« (»Fußballwoche«, d. Red.) den Man City-Spieler Colin Bell mit dem Satz: »Die DDR hat zehn Arbeiter – und einen Streich.« Es war eine Bestätigung für mich und für uns als Team, denn in der DDR wurde der Fußball immer etwas kleingehalten. Wir waren einfach zu erfolglos.

Sie holten 1972 Olympia-Bronze.
Aber was war Bronze, wenn Einzelsportler im Rennrodeln oder Eiskunstlauf regelmäßig Gold gewannen? Ich erinnere mich noch an einen Empfang in der Berliner Dynamo-Halle, als wir Fußballer an einen Katzentisch gesetzt wurden, während Erich Honecker die ganze Zeit um Katharina Witt herumschlich. Wir waren Außenseiter.

1978 gewannen Sie mit Magdeburg im Europapokal zweimal gegen den FC Schalke 04. Ideale Spiele für die DDR, um sich im Ausland zu profilieren.
Natürlich haben wir gemerkt, dass Partien gegen den Klassenfeind wichtiger waren als andere. Zumal wir auf einmal Prämien bekamen. Zugleich waren Spiele wie gegen Schalke immer sehr angenehm. Wir verstanden uns mit den Profis aus dem Westen hervorragend. Nach dem Rückspiel im Parkstadion, das wir 3:1 gewannen, fragte Rolf Rüssmann: »Habt ihr Bier?« Als wir verneinten, ließ er uns ein paar Kisten vor die Hotelzimmer bringen.

Und dann stießen Sie gemeinsam auf Erich Honecker an?
Natürlich nicht. Aber ein bisschen sozialistisch ging es auch beim Trinken zu. Manfred Zapf, unser Kapitän, holte nämlich alle Kisten erst einmal auf sein Zimmer. Danach verteilte er die Biere auf die Spieler.

Trotz Ihrer Tore standen Sie häufig in der Kritik. Hat Sie das nicht genervt?
Manchmal. Besonders übel fand ich die Berichterstattung von »FuWo«-Reporter Klaus Schlegel. Nach einem Spiel gegen Bulgarien schrieb er: »Alleine Streichs Aufwärmen war eine Frechheit.« Er plädierte dafür, dass ich nie wieder spielen sollte. Als mir ein Journalist später mal vorwarf, dass ich zu wenig laufe, sagte ich: »Was wollt ihr eigentlich? Guckt euch die Zahlen an! Ich bin der Beste!« Glücklicherweise machte ich in den folgenden sechs Spielen sieben Tore – dann war es ruhig.

Sie hätten Mitte der achtziger Jahre zumindest statistisch mit Franz Beckenbauer, dem damaligen Rekordhalter der BRD, gleichziehen können. Warum nur verwehrte Ihnen der DFV Ihr 103. Länderspiel?
Der Verband hatte damit nichts zu tun. Ich hatte schon vor der Saison angekündigt, meine Karriere zu beenden. Das letzte Punktspiel der Saison 1984/85 verloren wir 0:4, danach haben wir richtig einen auf die Lampe geschickt, und am nächsten Tag war ich Trainer.

Gegen Ihren Willen.
Ich wollte zumindest nicht Trainer der ersten Mannschaft werden. Ich sagte zu unserem Vorsitzenden: »Mache ich nicht!« Er also: »Doch!« Ich: »Nö!«

Wie ging es weiter?
Am nächsten Tag ein Anruf: »Herr Streich, Sie fahren heute nach Leipzig. Generalsekretär Karl Zimmermann möchte Sie sehen.« Ich also nach Leipzig, wo dasselbe Spiel wieder losging. Schließlich sagte Zimmermann: »Klaus Sammer habe ich zehnmal hier in Leipzig antanzen lassen. Wollen Sie das auch?« Also stimmte ich zu und wurde Cheftrainer in Magdeburg. Es war wie ein Faustschlag ins Gesicht.