Javier Irureta über die größte Aufholjagd der Champions-League-Geschichte

»Bayern kann das Wunder schaffen«

Javier Irureta gewann mit Deportivo La Coruña 2004 nach einem 1:4 beim AC Mailand das Rückspiel 4:0. Wie hat er das gemacht?

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Javier Irureta, Sie waren 2004 als Trainer von Deportivo La Coruña an der größten Aufholjagd der Champions-League-Geschichte beteiligt. Was braucht es für ein Fußball-Wunder?
Ganz klar: Spieler, die daran glauben. Spieler, die schon Tage vorher bei jedem Training ausstrahlen: »Wir packen das, wir sind besser als die.« Aber ganz ehrlich: Man braucht auch verdammt viel Glück.
 
Wer waren in Ihrer Mannschaft die Stimmungsmacher?
Vorne weg marschierte Mauro Silva, unser Weltmeister. Ein echter Kapitän – grandissimo. Der war 2004 schon weit über 30 und stand kurz vor seinen Karriereende. Mauro hatte alles, wirklich alles im Fußball erlebt. Wenn so einer die ganze Zeit rumläuft und ständig erzählt: »Wir biegen das noch um«, »Milan hat Angst vor uns«, dann glauben die anderen das irgendwann tatsächlich. Fran tickte genauso. Der sagte in jedem Interview, dass jeder, der uns abschreibt, einen Fehler macht.
 
Wie war die Stimmung in der Stadt?
Genauso. Es herrschte Euphorie, in den Bars sprachen die Menschen nur darüber, wie wir noch weiterkommen können. Szenarien wurden durchdiskutiert. Nach dem Motto: Was muss passieren, dass... Der Glaube an ein Wunder war überall spürbar.
 
Glaube allein reicht? Das Hinspiel war schließlich eine klare Angelegenheit.
Moment mal! Das stimmt nicht. 1:4 klingt zwar deutlich, war es aber nicht. Wir hatten in Mailand wirklich keinen guten Tag und wussten, dass wir viel besser spielen konnten. Wir mussten an einem Dienstag in Italien antreten, am Sonntag war im San Siro noch gespielt worden. Der Platz – eine einzige Katastrophe. Überall Löcher und Hügel. Uns kam das nicht entgegen, es lief einfach nicht. Zum Rückspiel wollten wir zeigen, was wirklich in uns steckt.
 
Nehmen Sie uns mit auf eine Zeitreise in die Kabine. Wie sah es dort kurz vor dem Anpfiff aus?
Es war laut. Ziemlich laut sogar. Die Spieler schrien: »Wir müssen ein Tor machen. Wir müssen ein Tor machen.« Immer wieder. Sie wussten: Wenn wir in Führung gehen, kommt unsere Maschine ins Rollen.
 
Welchen Plan hatten Sie sich zurechtgelegt?
Ich habe viel darauf verwendet, dass wir das Spiel nicht überstürzt angingen. Wir müssen die Ruhe bewahren, habe ich gesagt. Bloß nicht kopflos anrennen. Dann habe ich die 90 Minuten in verschiedene Phasen unterteilt und gesagt, wann wir was tun sollten. In der ersten Halbzeit war die Zielstellung, ein Tor zu schießen. Das würde reichen, sagte ich. Dann hätten wir bis zur 70. Minute Zeit für ein zweites. Und dann wäre die große Schlussoffensive gekommen.
 
Ihre Spieler haben Ihnen scheinbar nicht zugehört. Zur Halbzeit stand es bereits 3:0.
Ja, da musste ich mir was Neues einfallen lassen. Niemand konnte damit rechnen, dass wir so eine erste Halbzeit spielen würden. Wie im Rausch. Der erste Schuss von Walter Pandiani war gleich drin. Ich sehe es noch vor mir. Von der Strafraumgrenze hat er abgezogen. Als Albert Luque kurz vor der Pause zum 3:0 traf, war ich zunächst unsicher.
 
Wie meinen Sie das?
Die Situation änderte sich durch dieses Resultat komplett. Ein 3:0 hätte uns ja gereicht zum Weiterkommen. Wir sind als Jäger ins Spiel gegangen und wurden noch vor der Pause zu den Gejagten. Ich wusste erst nicht, wie wir die zweite Halbzeit angehen sollten: Weiter attackieren oder zurückziehen?
 
Sie entschieden sich für attackieren. Warum?
Weil Mailand eine zu große Mannschaft hatte. Maldini, Cafu, Nesta, Pirlo, Seedorf, Kaka, Inzaghi, Schewtschenko... Die hätten ganz sicher ein oder zwei Tore gemacht, wenn wir sie ins Spiel hätten kommen lassen.