Jan-Philipp Kalla über den Abstiegskampf und seine Karriere

»Als Kind habe ich mich eingerollt«

Ex-St.Pauli-Kapitän Fabian Boll hat ebenfalls vom Gang durchs Klubheim geschwärmt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ich habe dieses Szenario leider nicht so oft miterleben dürfen. Ich kam von der A-Jugend gerade in den Amateurbereich und war ein, zweimal die Saison bei den Profis mit im Kader. Für mich war es damals komplettes Neuland. Ich spielte sonst vor 150 Zuschauern. Die gleiche Anzahl Leute saß dann bei Spielen der ersten Mannschaft im Klubheim, um zu feiern oder die gegnerische Mannschaft zu bepöbeln. Für mich war es nicht unbedingt ein Kulturschock, aber ich konnte mich gut in die gegnerischen Spieler hineinversetzen, die dann vielleicht erstmal eingeschüchtert waren. Und ich weiß von Erzählungen, dass da von Fan-Seite auch Einiges unternommen wurde.
 
Vermissen Sie alte Mitspieler?
Ja, klar. Aber das ist leider im heutigen Fußball so, dass vielleicht nicht alle so gestrickt sind wie ich, die gerne und lange bei einem Verein bleiben wollen, wo sie sich wohlfühlen. Natürlich gibt es den einen oder anderen, mit dem ich noch gerne länger zusammengespielt hätte, aber man trifft sich zum Glück früher oder später auf einem Fußballplatz in Deutschland wieder. Das ist das Schöne am Fußball: Man ist nie ganz aus der Welt.
 
Blicken wir zurück: Am 12. Mai 2006 feierten Sie Ihren ersten Einsatz in der ersten Mannschaft. Im Regionalligaspiel gegen Köln wurden Sie eingewechselt. Wie gut erinnern Sie sich?
Wir haben 3:1 gewonnen. Und ich weiß, dass ich irgendwann mal einen Flugball geschlagen habe, aber ansonsten erinnere ich mich an nicht sehr viel. Es ging um nichts mehr, es gab viele verletzte oder angeschlagene Spieler, daher waren wir vier oder fünf Amateure auf der Auswechselbank. Ich war einer der Glücklichen, der am Millerntor sein Profi-Debüt feiern durfte. Ich glaube, es gibt Schlimmeres, aber natürlich war ich aufgeregt.
 
Wie kann man sich die Nervosität vorstellen? Wie beim ersten Date mit der neuen Freundin?
Da bist du ja alleine für dich verantwortlich. Wenn du auf dem Platz stehst und Mist baust, dann ziehst du deine zehn Kollegen mit rein, hast aber auch die Möglichkeit, dass die dir unter die Arme greifen und helfen. Aber klar: Man ist angespannt.
 
Es dauerte dann kurioserweise fast auf den Tag noch einmal zwei Jahre, bevor Sie wieder im Team zum Einsatz kamen. Zweite Liga, gegen Kaiserslautern, von Beginn an.
Ein paar Tage vorher spielte ich noch mit der U23 und wurde kurz nach der Halbzeit ausgewechselt. Darüber war ich anfangs noch total sauer, doch mein Trainer Joachim Philipkowski erzählte mir dann: Du fährst in zwei Tagen mit der Profimannschaft nach Kaiserslautern, also beruhig’ dich mal wieder! Im Teamhotel habe ich erfahren, dass ich von Beginn an in der Innenverteidigung spielen würde. Ich dachte nur: wow.
 
Am Betzenberg aufzulaufen war wahrscheinlich auch ein Härtetest für Ihr Nervenkostüm.
Zum Glück ging es auch in diesem Spiel für uns um nichts mehr. Lautern dagegen hing richtig im Abstiegskampf drin und musste unbedingt gewinnen. Volle Hütte, das war beeindruckend! Leider haben wir 0:2 verloren, aber ich glaube, ich habe mich ganz gut geschlagen in dem Spiel.
 
Wir müssen zum Schluss natürlich noch über Ihren Spitznamen sprechen: Jürgen Wegmann war die »Kobra«, Ralf Zumdick die »Katze«, Lionel Messi ist der »Floh« und Sie sind die »Schnecke«. Wer hat Ihnen den Spitznamen gegeben?
Ach, das ist ganz unspektakulär. Angeblich hat das was mit meiner Schlafposition zu tun, als ich zwei Wochen alt war. Ich habe mich da irgendwie immer so eingerollt. Eltern halt! Immerhin: Der Spitzname hat jetzt fast 29 Jahre lang gehalten.