Ist Wales noch traurig, Gerhard Tremmel?

»Die meisten Jungs spielen jetzt Fußball«

Gerhard Tremmel, inzwischen 37, kennt als Torwart von Swansea die walisische Fußball-Seele. Wie ist die Stimmung nach der für Wales so spektakulären EM?

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Für Wales ist der Traum vom EM-Finale gegen den späteren Europameister Portugal geplatzt. War das auch für Sie, den Deutschen in Swansea, ein böses Erwachen?
Klar, auch ich war traurig. Denn die Chance war da, das Finale zu erreichen. Portugal hat meiner Meinung nach im Halbfinale kein gutes Spiel gemacht, aber Wales diesmal auch nicht. Es war leider die schwächste Leistung der Mannschaft bei dieser Europameisterschaft.

War das Fehlen von Mittelfeldregisseur Aaron Ramsey ausschlaggebend?
Das hat natürlich auch eine Rolle gespielt. Aber entscheidend war für mich die Art und Weise, wie die Jungs in die Partie  gegangen ist. Sie spielten, als hätten sie alles zu verlieren. Die waren irgendwie blockiert. Nichts hat funktioniert. Es gab viele einfache Abspielfehler, selbst Bale unterliefen viele Passfehler. Es hat einfach die mentale Stärke, diese Lockerheit aus den Partien davor gefehlt.

Wie war die Stimmung in Swansea nach dem Aus?
Es war eine echte Ernüchterung zu spüren. Die Menschen sind absolut sportverrückt und  extrem leidenschaftlich. Es war alles vorbereitet für die große Party – umso enttäuschter waren alle.

Wo haben Sie das Spiel gegen Portugal erlebt? Im Pub?
Nein – das geht momentan nicht. Die Saisonvorbereitung hat gerade begonnen. Da kann ich mir so einen feucht-fröhlichen Fußballabend im Pub nicht leisten. Ich saß privat mit Freunden vor dem Fernseher. Und die waren auch niedergeschlagen, so wie  Ryan Giggs als Experte im Fernsehstudio. Es war eine einmalige Chance, die man selbst vermasselt hat. Dennoch können die Leute auf ihre  Mannschaft stolz sein. Wales, das war die Story der Euro 2016 – zusammen mit Island.

Werden sich die EM-Auftritte der Mannschaft von Teamchef Chris Colemann positiv auf die weitere Entwicklung des walisischen Fußballs auswirken?
Ja, da bin ich mir sicher. Jetzt schon spielen die meisten Jungs Fußball und nicht mehr Rugby, obwohl Rugby immer noch sehr wichtig ist. Die Erfolge bei der EM werden den Trend hin zum Fußball noch verstärken. Auch Swansea City und Cardiff City haben ihren Anteil daran. Bei Swansea City wird großer Wert auf die Nachwuchsarbeit gelegt. Die FA bewertet die Qualität der Jugendarbeit in den Vereinen regelmäßig. Swansea wird Level one, das höchste Niveau, bescheinigt. Hier wurde in den vergangenen Jahren sehr viel Geld im Nachwuchsbereich investiert. Ich bin mir sicher, dass da einige gute Spieler herauskommen werden.

Dass England gegen Island bereits im Achtelfinale ausschied...
… wurde in Wales richtig gefeiert. Die Rivalität ist groß, was auch mit der Rivalität im Rugby zu tun hat. Das Verhältnis zwischen Engländern und Walisern ist schwer zu beschreiben. Es ist eine Art  Hass-Liebe. Wäre Wales früh ausgeschieden, wären die Waliser wohl für England gewesen – so ist es aber anders gekommen.