Ist Heinz Müller der neue Bosman?

»Eine Ü60-Liga wäre vorstellbar«

Heinz Müller klagte im März gegen seinen Ex-Klub Mainz 05 wegen der Befristung seines Vertrages und bekam in erster Instanz Recht. Darf er nun bis zur Rente spielen? Sportjurist Christof Wieschemann gibt Antworten.

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Christof Wieschemann, ist Heinz Müller der neue Jean-Marc Bosman?
Das lässt sich noch nicht sagen, da der 1. FSV Mainz 05 in Berufung gegangen ist und das Urteil somit noch nicht rechtskräftig ist. Aber sollte Heinz Müller auch in den nächsthöheren Instanzen Recht bekommen, dann wären die Auswirkungen auf den Fußball sogar noch größer, als nach dem Bosman-Urteil.

Viele Vereine sprachen nach dem Urteil davon, dass sie sich keine Kader mit 40 oder 50 Spielern vorstellen könnten. Wären größere Kader eine Folge des Verfahrens?
Definitiv, wobei diese Zahl bei weitem nicht ausreicht. Es geht hier eher um Großunternehmen mit Generationen von früher aktiven Fußballern, die ein Verein dann beschäftigen würde.

Das heißt, im Fall der Fälle spielen die Fußballer bis zur Rente für ihren Klub?
Im Extremfall schon. Die Spieler wären dann 67, aber Profifußball lässt sich nur bis zu einem gewissen Alter auf höchsten Niveau spielen. Was soll also mit denen zwischen 40 und 67 geschehen? Eine mögliche Reaktion der Vereine wäre die, dass man sich sagt: »Wir bezahlen die Spieler ohnehin, dann möchten wir sie auch wertschöpfend beschäftigen.« Dann wäre eine Ü-40 und selbst eine Ü-60 Liga vorstellbar, so albern das jetzt auch klingen mag.

Wie realistisch erscheint Ihnen dieses Szenario?
Unrealistisch, denn eine Überlegung ist da ganz wichtig: Europaweit gilt eine Verbandsautonomie. Das bedeutet, dass die Sportverbände die Regeln, die sie brauchen, um einen Ligabetrieb aufrechtzuerhalten, selbst setzen dürfen. Damit können sie sich in bestimmten Grenzen der staatlichen Kontrolle entziehen und auch gegen nationales Arbeitsrecht verstoßen, wenn es unvermeidbar ist.

Weiß Heinz Müller eigentlich, was er da losgetreten hat?
Das würde mich überraschen, denn ich denke, ihm ging es vornehmlich um seine Forderung nach Schadensersatz. Ich glaube auch nicht, dass Bosman damals das enorme Potential seines Verfahrens bewusst war. Aber die Gesellschaft braucht Leute, die quer denken und beharrlich ihren Finger in die Wunde legen, damit solche Probleme dauerhaft und vernünftig gelöst werden.

Wie könnte eine dauerhafte Lösung aussehen?
Im Prinzip wären drei Ansätze denkbar. Die Gewerkschaft VDV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler, d. Red.) wünscht sich Tarifverträge zwischen den Spielern und ihren Vereinen. Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Vereine derzeit nicht tariffähig sind. Dafür müssten die Vereine, die momentan im Ligaverband organisiert sind und einer Zwangsmitgliedschaft unterliegen, einen freiwilligen Zusammenschluss gründen, damit sie als Arbeitgeberverband tariffähig werden.