Ist das die beste chilenische Spielergeneration aller Zeiten, Leonardo Véliz?

»Fußball hat mir das Leben gerettet«

Sie waren ja auch 1973 aktiv, beim Putsch. Und den bleiernen Jahren danach.
Ja, und ich hörte linke Musik, las linke Bücher, ging zu politischen Veranstaltungen. Wir hatten Träume und Illusionen von einem demokratischen Sozialismus. Es waren die siebziger Jahre in Chile, die Zeit der »Unidad Popular«, die Zeit von Präsident Salvador Allende. Ein Sozialist, der nicht mit Waffen, sondern mit einem Kreuz an den Urnen an die Macht kam. Nach dem Putsch haben Carlos Caszely und ich uns öffentlich gegen die Diktatur ausgesprochen.

Das war lebensgefährlich damals.
Ja, der Fußball hat mir in gewisser Weise das Leben gerettet. Pinochet hatte den Fußball für unantastbar erklärt. Während oppositionelle Sportler anderer Disziplinen, Künstler und Schauspieler reihenweise festgenommen wurden, blieben wir Fußballer frei.

Das Finale der Copa wird im Nationalstadion gespielt, das damals das größte Gefangenlager und die Folterkammer der Diktatur war. Kann man das machen?
Ja, denn es ist unser Fußballtempel, das größte Stadion.

Aber bei der Copa hat es keine Schweigeminute, keinen Hinweis auf die dunkle Geschichte des Stadions gegeben.
In Chile haben wir keine Erinnerung, wir bevorzugen alles zuzudecken, wir wollen vergessen, nicht verarbeiten. Unser Übergang zur Demokratie hat nicht geklappt. Die Gesellschaft ist noch immer tief in Gegner und Befürworter von Pinochet gespalten. Man darf darüber aber nicht reden.

Immerhin gibt es diese kleine Erinnerungsstätte. Das Tribünenteil, das immer bei den Spielen frei bleibt.
Ich war lange Jahre nicht mehr im Stadion, bis uns der chilenische Verband jetzt Karten für die Chile-Spiele gegeben hat. Und ich muss immer auf diese Tribüne starren und denken, was damals war. Ich hatte Freunde und Verwandte, die im Nationalstadion inhaftiert waren. Es ist ein bitteres Gefühl. Sie waren ja keine Verbrecher. Sie waren da, weil sie anders dachten und einer anderen Ideologie folgten.

Sie haben auch bei diesem Spiel ohne Gegner zur WM-Qualifikation am 21. November 1973 mitgespielt, das Chile gegen die Sowjetunion austrage sollte.
Das Spiel der Schande, meinen Sie. Die Partie hätte nicht stattfinden dürfen, nicht an dem Ort, nicht zu dem Zeitpunkt. Es war schlechtes Theater, und die FIFA hat da mitgemacht.

Warum?
Die UdSSR, Alliierte von Allende, beklagte sich, das Nationalstadion sei ein Gefangenenlager. Also sandte die FIFA eine Inspektionskommission. Extra dafür wurden die Gefangenen, die sich tagsüber auf den Tribünen aufhielten, in die Umkleiden in den Katakomben gebracht und mit vorgehaltener Waffe daran gehindert, laut zu schreien und auf sich aufmerksam zu machen. Und die Inspekteure des Weltverbands schienen sich ohnehin mehr für den Zustand des Rasens zu interessieren als für die Vorwürfe. Die FIFA gab das Stadion schließlich als unbedenklich frei.

Aber Sie hatten keinen Gegner.
Für den Termin des Rückspiels hatte die Diktatur das Stadion räumen und die Gefangenen auf andere Lager aufteilen lassen. Die Sowjets aber traten nicht an. Sie wollten nicht an einem Ort spielen »der mit dem Blut der chilenischen Patrioten getränkt« ist. Also haben wir alleine gespielt. Anpfiff, Anstoß, Tor, Abpfiff. Das Spiel dauerte 19 Sekunden. Und so fuhren wir nach Deutschland.