Ist das die beste chilenische Spielergeneration aller Zeiten, Leonardo Véliz?

»Ich hätte Vidal rausgeschmissen«

Leonardo »El Pollo« Véliz war Linksaußen der chilenischen Nationalmannschaft bei der WM 1974. Heute hat er eine Kunstgalerie und ist gefragter Gesprächspartner.

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Leonardo Véliz, mit Ihnen in Ruhe ein Interview zu führen, ist kompliziert. Sie sind in Chile bekannt wie ein bunter Hund.
Na ja, ich schreibe heute Kolumnen, spreche mit jungen Leuten über Fußball und Diktatur, hatte ein Radio-Programm. Und in diesen Tagen ist Fußball eben das Königsthema in Chile.


Leonardo Veliz, geboren am 3. September 1945 in Santiago de Chile, nahm 1974 an der WM in Deutschland teil. Er spielte von 1964 bis 1982 u.a. für Colo-Colo und Unión Española.

Heute spielt Chile gegen Argentinien im Finale der Copa América. Wundert Sie, dass ihr Land soweit gekommen ist?

Nein, überhaupt nicht. Seit der WM 2010 in Südafrika spielt Chile den gleichen Fußball, vertikal, laufintensiv und mit hohem Pressing. Es ist der Stil, den Marcelo Bielsa implementiert hat und den sein Nachfolger Jorge Sampaoli beibehält. Damals war Chile, wie es Spaniens Trainer Vicente del Bosque sagte, ein unangenehm zu spielender Gegner. Heute sind sie auch ein konkurrenzfähiger Gegner.

Und sie spielen Zuhause.
Ja, aber das spielt dabei keine Rolle. Die Mannschaft spielt immer und überall gegen jeden Gegner gleich.

Ist das die beste chilenische Spielergeneration aller Zeiten?
Das bemisst sich an vielen Faktoren: Stehen die Spieler in internationalen wichtigen Ligen wie der deutschen, der spanischen oder englischen unter Vertrag, wie treten sie als Mannschaft auf. Aber ob sie die Besten sind, entscheidet sich vor allem an einem Punkt: Können Sie Titel gewinnen? Erst dann sind sie wirklich die beste Generation aller Zeiten.

Chile hat noch keinen Titel.
Wir waren 1979 nah dran, da war ich noch mit dabei. Wir haben im Copa-Finale gegen Paraguay nur nach der Tordifferenz verloren. Damals war die Copa kein Turnier, sondern ein Wettbewerb mit Hin- und Rückspiel. Aber wenn Chile heute die Copa gegen eine der besten Mannschaften der Welt mit dem besten Spieler der Welt holt, dann sind sie wirklich die Besten. Gegen Paraguay wäre das nicht so ein großer Erfolg.

Was hat sich seit Ihrer Zeit verändert im chilenischen Fußball?
Alles! Vor allem die Strukturen. Die Vereine sind Aktiengesellschaften. Heute werden die Gehälter pünktlich jeden Monat bezahlt. Wir bekamen damals mit Glück alle zwei Monate Geld. Vor allem hat uns damals niemand zugesehen außerhalb der Stadien. Es gab ja kaum Fernsehen. Wir sind vielleicht im Sommer mal auf eine Europa-Reise gegangen. Da konnte mal einer von uns entdeckt werden. Heute spielen alle immer wie in einer Vitrine.

Dafür wird über Spieler wie Arturo Vidal heute auch auf den bunten und nicht nur auf den Sportseiten berichtet. Ist das wirklich gut so?
Ich war Jugendtrainer, habe die chilenische U-17 trainiert. Ich würde mich als Experte bei Nachwuchsspielern bezeichnen. Und ich meine, wir bräuchten in Chile eine umfassende Ausbildung der Spieler, die mehr als nur das sportliche umfasst. Eine Art Ganztagesbetreuung. Die jungen Talente kommen fast alle aus einfachen und zum Teil schwierigen Verhältnissen, aus dysfunktionalen Familien, wo es an Bildung, Zuneigung und an Normen fehlt. Sie kommen mit vielen »Produktionsfehlern«, haben viel Müll im Kopf. Daher werden die Jungs bei uns erst mit 24 zu reifen Spielern, während sie in Europa schon mit 20 Jahren in der Champions-League spielen. Schaut nur euren Joachim Löw an, der macht Yoga und verordnete das den Spielern, um mit dem Druck fertig zu werden. Soweit sind wir in Chile vielleicht in 15 Jahren.

Chile steht bei dieser Copa auch für unschöne Nachrichten. Vidal schrottete seinen Ferrari unter Alkoholeinfluss und Gonzalo Jara grapschte seinem Gegenspieler in den Hintern. Und beide werden gefeiert.
Fürchterlich. Und die Präsidentin Michelle Bachelet lässt sich mit Vidal auch noch fotografieren. Was ist denn das für ein Signal an die Gesellschaft? Das Staatsoberhaupt posiert mit dem Gesetzesbrecher. Das ist Populismus und Demagogie. Das ist zynisch und scheinheilig. Sie hätte sich mit dem Polizisten ablichten lassen sollen, der Vidal festnahm.

Hätten Sie an Sampaolis Stelle Vidal aus dem Team geworfen?
Ja, umgehend. Wie soll ich denn einem Nachwuchsspieler vermitteln, dass er sich an die Regeln auf und neben dem Platz halten soll? Vidal bricht das Gesetz, verursacht einen Unfall, beschimpft den Polizisten und protzt mit seinem Ferrari. Was für eine Botschaft ist denn das?

In Chile teilen Ihre Auffassung wenige.
Die Menschen sind vom Erfolg betäubt. Das ist doch Quatsch.

Auch Gonzalo Jara wird für seine Unsportlichkeit gefeiert.
Ja, und die Leute sagen stolz: Jetzt spielen wir auch so schmutzig wie die Uruguayer. Das heißt doch: Wir pendeln uns auf dem niedrigsten Niveau ein, statt nach moralisch höheren Maßstäben zu streben. Wie kopieren nur das Schlechte. Fußball ist wie ein Zirkus. Und die Politik nutzt das für ihre Zwecke. Das war in der Diktatur so, das ist in der Demokratie nicht anders.