Islands Torwarttrainer über Märchen und Manuel Neuer

»Das größte unter allen Wundern«

Gudmundur Hreidarsson ist Islands Torwart-Trainer und selbst ernannter »Deutschland-Ultra«. Gegen Frankreich setzt auf einen deutschen Sieg – auch dank Manuel Neuer.

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Gudmundur Hreidarsson, wo sind Sie gerade?
Im siebten Himmel. Am Montag war unsere unglaubliche Geschichte eigentlich vorbei, aber das Märchen hört einfach nicht auf. Am Dienstag wurden wir von 50.000 Menschen in Reykjavík empfangen, einer Stadt, in der nur 100.000 wohnen! Wir Spieler und Trainer standen auf dem Deck eines offenen Busses und konnten es nicht fassen. Wie Kinder beim ersten Weihnachten. Es war nicht zu glauben. Später, auf der Bühne. als wir dort oben standen und die Menge zum »HUH« geklatscht und geschrien hat, kam ich mir vor wie Rod Stewart (lacht).



Wie ging die Party weiter?
Im Island-Style. Von der Bühne ging es ins Verbands-Büro, dort wurde gemeinsam mit Freunden und Familien gegessen und getrunken. Eine wunderbar angenehme Atmosphäre. Viele der Jungs sind Familienväter und hatten ihre Lieben eine lange Zeit nicht gesehen. Der Abend ging ganz entspannt zu Ende, irgendwann sind wir einfach alle nach Hause. Schon am Mittwoch sind die ersten Spieler in den Urlaub gefahren. So wie unser Trainer (Lars Lagerbäck, d. Red.), der hat wie abgemacht sein Amt niedergelegt und entspannt sich jetzt erstmal auf seiner Farm in Schweden.

Das Ende einer langen Reise. Womit müssen wir anfangen, wenn es darum geht, von dieser Reise zu erzählen?
Mit unseren Fans. Schwer zu beschreiben, was wir alle für eine Verbindung zu den vielen tausend Menschen spüren, die uns in Frankreich und Island unterstützt haben. Was die teilweise auf sich genommen haben, um uns vor Ort zu unterstützen, ist nicht zu fassen. Die meisten hatten sich Urlaub und Tickets für die Gruppenphase besorgt. Als dann der Achtelfinaleinzug perfekt war, wurde viele Arbeitsverhältnisse zwischen Chefs und Angestellten auf die Probe gestellt (lacht). Da wurden sicherlich innerhalb kürzester Zeit viele tausend Tage Urlaub eingereicht. Und nach dem England-Spiel ging das Spiel von vorne los. Bei einer Bevölkerung von 330.000 Menschen macht sich das schon bemerkbar, wenn knapp zehn Prozent davon mehrfach den Urlaub verlängern. Die nächsten Wochen werden hart für meine Landsleute, es ist eine Menge Arbeit liegen geblieben (lacht).


Eine echte Bank: ein Teil des isländischen Trainerteams. In der Mitte Lars Lagerbäck, ganz links unser Interviewpartner. (Bild: Imago)

Spielte der Anhang auch schon in der Qualifikation eine so entscheidende Rolle?
Oh ja. Allerdings eher ungewollt. Zu unserem Auswärtsspiel gegen Kroatien reisten sehr viele unserer Leute an. Weil wir das Teamhotel in Zagreb nicht abgeriegelt hatten, war es dort bald voller als auf dem Hauptbahnhof von Reykjavík. Am Abend vor dem Spiel saßen alle zusammen, Spieler, Freunde, Familien, Fans. Eine tolle Atmosphäre. Aber ein großer Fehler.

Inwiefern?
Wir verloren das Spiel mit 1:3. Und bemerkten zu spät, dass wir Isländer uns keine Party vor so wichtigen Spielen erlauben können. Aus dem Kroatien-Spiel haben wir gelernt. Und vielleicht ist da auch unser Teamgedanke entstanden.

Der da wäre?
Sie werden lachen, ich kenne ja die deutschen Fußball-Phrasen. Aber es ist so: Jedes Spiel ist das wichtigste. Und das zu verinnerlichen, das wirklich ernst zu meinen, erfordert viel Disziplin und Einsatz. Aber unterschiedlichster Ebene. Unser wichtigster Mann in dieser entscheidenden Phase war Lars Lagerbäck. Der hat so viel Erfahrung, hat so viel gesehen und vor allem: weiß genau, was er mit einer Mannschaft erreichen will – und wie er das auch schaffen kann.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Unser erstes Spiel in der Quali gewannen wir zuhause mit 3:0 gegen die Türkei. Das nächste erneut mit 3:0 in Lettland. Die Stimmung war natürlich fantastisch. In der Kabine wurde gefeiert. Nur Lars wirkte sehr ruhig. Ich sprach ihn an, fragte, was los sei. Er sagte: »Es gibt keinen Grund, zufrieden zu sein. Zufrieden können wir erst sein, wenn wir in drei Tagen Holland geschlagen haben. Wir müssen ans nächste Spiel denken.« Was wir auch taten – das Spiel endete sensationell mit 2:0. Auf der Pressekonferenz fragte ein euphorisierter Reporter: »Neun Punkte aus drei Spielen! Denken Sie jetzt schon ans EM-Finale?« Lagerbäcks Antwort: »Ich habe noch nie eine Mannschaft bei einer EM gesehen, die sich mit nur neun Punkten qualifiziert hätte.« So denkt Lars Lagerbäck. Und so dachte bald auch das ganze Team.

Bei keiner anderen Mannschaft dieses Turniers war der Teamspirit so erkennbar wie bei Island. Wie haben sie das geschafft?
Als Torwarttrainer habe ich zwei große Probleme: nur einer meiner Jungs spielt, die anderen nicht. Und im Gegensatz zu den Feldspielern war es schon im Vorfeld klar, dass sie vermutlich nicht zum Einsatz kommen würden. Für einen Fußballer ist die Ersatzbank immer frustrierend. Man muss nur dafür sorgen, dass trotzdem kein Frust aufkommt. Ich habe den beiden (Ögmundur Kristinsson und Ingvar Jónsson, d. Red.) eingetrichtert: »Hannes (Thór Halldórsson) ist ein guter Mann. Aber ganz alleine wird er bei diesem Turnier nicht bestehen. Ihr und ich müsst ihn im Training besser machen und auf die großen Aufgaben vorbereiten. Ohne euch schafft er es nicht!« Und die Jungs verstanden. Genau dieser Geist war auch in jedem anderen Mannschaftsteil spürbar – und unser Erfolgsgeheimnis.