Islands Keeper Hannes Halldorsson im Interview

»Genießt das Turnier jeden Tag!«

Islands Sensation gegen Portugal gelang auch dank Torwart Hannes Halldorsson. Aber wie stoppt man Cristiano Ronaldo eigentlich?

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Hannes Halldorsson, Island bejubelte die Überraschung gegen Portugal, Sie liefen aber lange nach dem Spiel alleine über den Platz. Was war da los?

Ich wollte unbedingt meine Kinder anrufen und sie zu mir holen. Die letzten Monate waren nicht einfach, ich war zum norwegischen Verein FK Bodø/Glimt ausgeliehen, um Spielpraxis zu sammeln. Also saß ich in Norwegen im Hotel und meine Familie in Island, wir haben uns lange nicht gesehen. Meine Freundin und die Kinder haben große Opfer gebracht, damit ich hier bei der EM sein kann. Deswegen wollte ich sie nach so einem Spiel unbedingt umarmen.

Als wir uns vor eineinhalb Jahren trafen, sagten Sie noch: »Es wäre mein größter Traum, einmal bei der EM dabei zu sein.« Nun haben Sie mit Ihren Paraden Nani und Ronaldo aufgehalten.

Für so eine Nacht muss alles zusammenkommen. Im Leben gibt es viele Träume, aber die wenigsten erfüllen sich. Für mich war es eine lange, lange Reise. Nach unserer Qualifikation habe ich mir wieder die Schulter ausgekugelt und musste operiert werden. Es war monatelang unklar, ob ich es überhaupt zur EM schaffe, zum größten Abenteuer meines Lebens. Daran musste ich jetzt nach dem Spiel denken.

Wie knapp war es denn?

Die Chancen standen 50-50, ich war fünf Monate lang in der Reha. Der Doktor sagte nur: »Wir können nur hoffen, dass du es zur EM schaffst.« Gleich im ersten Training hätte ich mir die Schulter wieder auskugeln können. Das passiert bei diesen Verletzungen häufiger. Doch alles lief perfekt – und jetzt stehe ich hier in Saint-Etienne.

Ihr Kapitän Aron Gunnarsson hat Cristiano Ronaldo bereits nach 22 Sekunden angeschrien. War der Plan, die Portugiesen einzuschüchtern?

(schmunzelt) Nein, nicht von uns als Team, aber vielleicht von unserem Kapitän. Wir haben in den Sitzungen nie besprochen, sie hart anzugehen oder unsauber zu agieren. Unser Plan war vielmehr, sie zu irritieren, indem wir ihnen keine Zeit und Räume bieten. Wir wollten ihnen gleich auf den Füßen stehen, wenn sie angespielt wurden. Das haben wir gut hinbekommen.

In der ersten Halbzeit stürmte Portugal auf Ihr Tor, Sie mussten mehrmals retten, das 0:1 fiel. Hatten Sie da die Befürchtung, dass das Spiel für Island böse enden könnte?

Ach, diese Phase war nervlich gar nicht so belastend wie die letzten zwanzig Minuten. Das war wirklich eine verdammt lange Zeit, weil wir den Ball einfach nicht gut kontrollierten und ihn immer wieder verloren. Portugal war sehr gefährlich bei den Flanken. Aber wir haben schon häufiger bewiesen, dass wir ein Ergebnis auch über die Zeit bringen können.

Sie parierten in der Schlussphase Großchancen von Nani und Ronaldo. Was ging Ihnen in den letzten Minuten durch den Kopf?

Wissen Sie, in den vergangenen Monaten wurde mir beinahe täglich die eine Frage gestellt: »Wie wollt ihr Ronaldo aufhalten?« Ronaldo hier, Ronaldo da. Ausgerechnet er bekam dann diese guten Freistoßmöglichkeiten unmittelbar vor dem Abpfiff. Da dachte ich mir: »Das ist so typisch, jetzt kann er hier wieder der Held werden.« Doch dann gingen die Schüsse in die Mauer und wir konnten aufatmen. Allein diese Situation erzählt viel über unsere Mannschaft.

Inwiefern?

Alle Jungs, die in der Mauer standen, wollten diesen Schuss blocken – egal ob er ihnen auf den Kopf gezielt hätte. Sie hätten nicht weggezogen. Daran hatte ich keinen Zweifel. Diese Szene steht für unseren Teamspirit.

Wie haben Sie die isländischen Fans erlebt?

Sie waren so laut, einfach fantastisch. Das macht diesen besonderen Moment für uns Spieler noch etwas besonderer: Wir wissen, dass das ganze Land hinter uns steht. Als ich zum Warmmachen rauslief, sah ich diese blaue Wand aus Fans. Das pusht jeden Spieler ungemein. Ich kann mich nur bei allen auf der Tribüne bedanken und sagen: »Genießt das Turnier jeden Tag!« Das machen wir auch.

Wie lauten Ihre Ziele?

Ich habe natürlich einige Träume, aber da muss wie gerade gesagt viel passen. Wir haben aber das Potenzial, jede Mannschaft bei der EM zu schlagen. Also: Erst einmal die Gruppenphase überstehen, dann schauen wir weiter. Wie heißt es auf Englisch? Sky is the limit!