Interview: Was ist eigentlich los in Katar?

»Ein Foto mit Daumen hoch reicht einfach nicht«

Das siebte Jahr in Folge trainieren die Bayern in der Aspire Academy in Katar. Die Arbeitsbedingungen im Land? Trotz Reform noch immer miserabel. James Lynch von Amnesty International regt das auf. 

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James Lynch, bevor wir über Bayern München sprechen: Erklären Sie uns bitte kurz die grundsätzliche Situation der ausländischen Arbeiter in Katar.
Katar ist seit Jahrzehnten massiv abhängig von ausländischen Arbeitern, die schlecht bezahlte Jobs verrichten. Seit der Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar gibt es im Land einen Haufen gigantischer Projekte, die noch mehr ausländische Arbeitskraft fordern. Und dabei geht es nicht nur um neue Stadien. Auch die gesamte Infrastruktur wird fast ausschließlich von Arbeitern aus Nepal, Bangladesch oder Indien aufgebaut und viele von diesen Menschen werden schon seit langer Zeit ausgebeutet.

Was bedeutet das konkret?
Die Grundlage dieser Ausbeutung ist, dass die Arbeitgeber über unglaublich viel Macht verfügen. Sie ziehen Pässe ein, so dass Arbeiter weder den Job wechseln noch das Land verlassen können. Sie bezahlen - wenn überhaupt - weniger Gehalt als vereinbart und auch das oft verzögert. Die Arbeiter leben teilweise in miserablen Unterkünften, doch wenn sie sich beschweren, droht die Kündigung. Da sich viele Arbeiter aber verschuldet haben, um überhaupt im Land arbeiten zu dürfen, wäre auch das eine Katastrophe.


Vor wenigen Wochen wurde das katarische Arbeitsrecht reformiert. Das stark kritisierte »Sponsorship-System« - arabisch »Kafala« - das den Arbeitgebern so viel Macht verlieh, wurde offiziell abgeschafft. Ist das nicht ein Erfolg?
Nur weil das Wort »Kafala« aus dem Gesetz gestrichen wird, bedeutet das nicht, dass sich wirklich etwas verändert. Noch immer müssen Arbeitnehmer, sobald ein Vertrag unterschrieben ist, ihre Arbeitgeber um Erlaubnis fragen, wenn sie das Land verlassen möchten. Und wenn ein Vertrag über fünf Jahre abgeschlossen wird, kann sich eine Einwilligung eben auch fünf Jahre lang ziehen. Und die Situation mit den Pässen hat sich mit der Reform sogar noch verschlimmert. Vorher war es offiziell illegal, einen Pass einzuziehen. Jetzt ist es legal, wenn der ausländische Arbeiter vorher eine Einwilligung unterzeichnet. Da die Arbeiter aber oft gar nicht die Sprache sprechen oder die Schrift lesen können, ist so eine Unterschrift für die Arbeitgeber leicht zu bekommen.

In einem Bericht von Amnesty International aus dem vergangenen Jahr heißt es, auch in der Aspire Academy hätten sich zwischen 2015 und 2016 mindestens 230 Fälle von Zwangsarbeit oder Ausbeutung abgespielt. Auf dem Gelände der Aspire Academy trainiert in diesen Tagen der FC Bayern München. Was genau ist dort vorgefallen?
In dem Bericht ging es unter anderem um Arbeiter, die von der Landschaftsbaufirma Nakheel Landscape Company angeheuert wurden. Diese Arbeiter lebten in minderwertigen Unterkünften und waren bei ihrer Rekrutierung betrogen worden, speziell im Bezug auf ihr Gehalt. Sie erzählten uns, dass sie zu ihrem Manager gingen und fragten, was denn mit dem Geld sei. Darauf antwortete dieser: »Was euch in Bangladesch über Gehälter erzählt wurde, ist nicht mein Problem.«

Wissen Sie, wie die Situation vor Ort in aktuell für die Arbeiter ist?
Wir traten letztes Jahr mit Nakheel Landscape in Kontakt, die wiederum geschockt waren von unseren Erkenntnissen. Sie versprachen damals, zu reagieren. Die Aspire Zone Foundation bestritt allerdings, dass es zu solchen Vorkommnissen gekommen sei. Sie versicherten aber auch, eine Ermittlung anzuordnen. Das ist bisher das letzte, was wir gehört haben. Also wissen wir nicht, ob sich wirklich etwas an der Situation verändert hat.